Baikalwasser in Flaschen stammt meist aus rund 500 Metern Tiefe und wird über Leitungen etwa anderthalb Kilometer vor dem Ufer entnommen. Für den Wasserhaushalt des Sees spielen die Mengen keine Rolle. Umstritten ist der Standort: 2019 stoppten Gerichte nach landesweiten Protesten ein Exportwerk, das in Kultuk am Südufer im Bau war.
Wie wird Baikalwasser für Flaschen gewonnen?
Über Rohrleitungen, die vom Ufer aus über den steil abfallenden Seegrund in die Tiefe führen. Nach dem Bericht der Weltnaturschutzunion IUCN von 2025 pumpen mehrere private Firmen das Wasser rund 1.500 Meter vor der Küste aus etwa 500 Metern Tiefe. Dort ist das Wasser ganzjährig 3 bis 4 Grad kalt und mischt sich nur langsam mit der Oberfläche. Für das geplante Werk in Kultuk war eine Entnahmeleitung von rund 800 Metern Länge bereits in den See gelegt worden.
Das Tiefenwasser ist nicht uralt, aber älter als das Oberflächenwasser. Mit gelösten Spurengasen wie Freon und dem Paar Tritium und Helium haben Forscher bestimmt, dass Wasser unterhalb von 250 Metern je nach Jahr und Ort 7,2 bis 11,1 Jahre lang keinen Kontakt zur Atmosphäre hatte. Die IUCN folgert daraus, dass es zumindest theoretisch weniger von heutigen Belastungen erfasst wird. Wie lange der See insgesamt braucht, um sein Wasser auszutauschen, und wie es zusammengesetzt ist, beschreibt die Seite über das Wasser des Baikalsees.

Welche Regeln gelten für die Wasserentnahme am Baikal?
Wer Seewasser entnehmen will, braucht eine wasserrechtliche Genehmigung und muss die Auflagen des Baikal-Gesetzes von 1999 für die zentrale ökologische Zone einhalten. Für das Grundstück in Kultuk hatte die zuständige Wasserbehörde des Jenissei-Beckens die Nutzung der Seefläche nach Angaben von Interfax bereits 2008 genehmigt. Hinzu kommen eine staatliche Umweltprüfung, eine Baugenehmigung und die russischen Hygienevorschriften für abgefülltes Trinkwasser.
Ein ausdrückliches Verbot, Seewasser abzufüllen, enthält die seit 2021 geltende Regierungsliste der in der zentralen Zone verbotenen Tätigkeiten nicht. Ausdrücklich ausgenommen vom Abbauverbot ist dort die Förderung von Grundwasser für die Trinkwasserversorgung und von Mineralwasser. Gestoppt wurde das Projekt in Kultuk deshalb nicht wegen der Wassermenge, sondern wegen Fehlern im Genehmigungsverfahren und beim Pachtvertrag. Wie das Schutzgesetz aufgebaut ist und wie es seit 1999 geändert wurde, erklärt die Seite über das Baikal-Schutzgesetz.
Wie viel Wasser ist das im Vergleich zum Abfluss der Angara?
Ein verschwindend kleiner Teil. Das Werk in Kultuk sollte nach Angaben aus dem Jahr 2019 bis zu 190 Millionen Liter im Jahr abfüllen, das sind 190.000 Kubikmeter; der Investor selbst nannte für 2022 als Ziel 154.800 Kubikmeter. Über die Angara verlassen den See im langjährigen Mittel rund 60,9 Kubikkilometer im Jahr, also knapp 2.000 Kubikmeter pro Sekunde.
| Größe | Wert | Rechnung |
|---|---|---|
| geplante Jahresmenge Kultuk | 190.000 m³ | 190 Millionen Liter |
| Abfluss der Angara | rund 60,9 km³ pro Jahr | rund 1.930 m³ pro Sekunde |
| Anteil der Abfüllung am Abfluss | rund 0,0003 % | 190.000 m³ : 60,9 Mrd. m³ |
| entspricht Angara-Abfluss von | rund 1,5 Minuten | 190.000 m³ : 1.930 m³/s |
| rechnerische Senkung des Seespiegels | rund 0,006 mm pro Jahr | 190.000 m³ : 31.722 km² |
Die Rechnung zeigt, warum Fachleute in der Entnahme keine Gefahr für den Wasserstand sehen. Die IUCN stuft die Übernutzung durch die Abfüllung als gering ein. Die Sorgen der Gegner richteten sich vor allem auf den Bauplatz am Ufer, auf Abwasser und Verkehr eines Industriebetriebs und auf die Frage, ob Baikalwasser zum Exportgut werden soll.
Was geschah beim Abfüllwerk in Kultuk?
Eine Firma mit chinesischem Hauptgesellschafter begann im Januar 2019 am Ortsrand von Kultuk, an der Südwestspitze des Sees, ein Werk für abgefülltes Trinkwasser zu bauen. Der Bauplatz lag an den Talowsker Sümpfen, einem Feuchtgebiet, in dem Zugvögel rasten. Gegen das Projekt liefen schon seit 2017 Petitionen; die bekannteste hatte im März 2019 rund 883.000 Unterschriften, im Oktober 2026 zeigte die Plattform über 1,2 Millionen. Anwohner protestierten, Ministerpräsident Dmitri Medwedew ließ das Projekt prüfen, und der Gouverneur der Oblast Irkutsk erklärte die festgestellten Mängel für kaum behebbar.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| Juli 2016 | Regionale Umweltbehörde bestätigt das positive Gutachten der Umweltprüfung |
| Januar 2019 | Baubeginn, Inbetriebnahme für Ende 2019 geplant |
| 15. März 2019 | Bezirksgericht in Irkutsk setzt Baugenehmigung und Gutachten vorläufig aus |
| 27. März 2019 | Gericht erklärt Gutachten und Baugenehmigung für rechtswidrig |
| 2. April 2019 | Wirtschaftsgericht der Oblast untersagt vorläufig jeden Weiterbau |
| Juni 2019 | Oblastgericht weist die Berufung der Firma zurück, Urteil rechtskräftig |
| 1. August 2019 | Wirtschaftsgericht erklärt den Pachtvertrag für ein Grundstück für nichtig |
| Oktober 2019 | Berufungsgericht in Tschita bestätigt die Nichtigkeit |
Die Umweltstaatsanwaltschaft hatte der Umweltprüfung vorgeworfen, Pflanzen aus dem Roten Buch der Oblast Irkutsk, langjährige Vogelbeobachtungen und rund 40 besondere Tier- und Pflanzenarten in der Umgebung nicht berücksichtigt zu haben. Bei Kontrollen fanden sich zudem Spuren von Erdölprodukten und Abfallhaufen auf der Baustelle, und die Anhörung der Öffentlichkeit soll fehlerhaft verlaufen sein. Den Pachtvertrag hielt die Staatsanwaltschaft für nichtig, weil die Gemeinde das Ufergrundstück ohne Ausschreibung vergeben habe. Die regionale Umweltbehörde und der Investor wiesen die Vorwürfe zurück: Die Staatsanwaltschaft stütze sich auf 25 Jahre alte Daten, die Anhörung sei korrekt gewesen. Die Firma nannte die Befürchtungen der Petition unbegründet.
Nach dem Baustopp ließ die technische Aufsichtsbehörde Rostechnadsor die Entnahmerohre am Ufer verankern, damit sie nicht in den See treiben. Ein Duma-Abgeordneter forderte, der Investor müsse Bauten und Leitung auf eigene Kosten entfernen und das Gelände wiederherstellen. Ob das inzwischen geschehen ist, ließ sich in den ausgewerteten Quellen nicht klären. Eine Wiederaufnahme des Vorhabens ist bis Oktober 2026 nicht bekannt geworden.
Hält Baikalwasser in der Flasche, was es verspricht?
Chemisch ist das Wasser des offenen Sees sehr rein, eine Garantie für jede Flasche ist das aber nicht. Mit rund 96 Milligramm gelösten Salzen pro Liter ist es ausgesprochen weich und arm an Nährstoffen; Tiefenwasser weit vor dem Ufer ist von Abwasser aus den Siedlungen kaum berührt, anders als das Uferwasser vor Ortschaften. Was Messungen zur Klarheit und zur Trinkbarkeit des Seewassers zeigen, steht auf der Seite Sichttiefe und Reinheit des Baikalsees.
Entscheidend ist die Kontrolle beim Abfüllen. Im Juni 2018 bestätigte das Oblastgericht ein Urteil des Gerichts in Sljudjanka, das einer Firma in Baikalsk die Produktion untersagte; sie bezog Seewasser über die Wasserleitung des Zellstoffwerks und füllte es für den Verkauf nach China ab. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fehlte die vorgeschriebene laufende Kontrolle der Wasserqualität an der Quelle; das Verbot sollte gelten, bis diese Kontrolle nach den Hygieneregeln gewährleistet ist. Werbung mit dem „reinsten Wasser der Welt“ ersetzt also keine Messung, und der Name auf dem Etikett sagt nichts darüber, aus welcher Tiefe und mit welcher Aufbereitung das Wasser gewonnen wurde.
Wohin wird Baikalwasser exportiert?
Vor allem nach China. Das Werk in Baikalsk lieferte seine Flaschen dorthin, und auch in Kultuk sollte nach Berichten von 2019 der größte Teil der Produktion exportiert werden, neben China nach Südkorea und in die Mongolei. 2017 berichtete die britische Zeitung The Guardian unter Berufung auf chinesische Staatsmedien über Überlegungen von Stadtplanern in Lanzhou, Baikalwasser über eine rund 1.000 Kilometer lange Pipeline durch die Mongolei in die Provinz Gansu zu leiten. Ein konkretes Vorhaben ist daraus nach den ausgewerteten Quellen nicht entstanden.
Belastbare Zahlen zur gesamten Exportmenge aus allen Abfüllbetrieben fanden sich in den ausgewerteten Quellen nicht. Gemessen am natürlichen Abfluss bleibt sie in jedem Fall klein. Wie die Wasserabfüllung unter den übrigen Belastungen des Sees einzuordnen ist, zeigt die Übersicht über die Umweltprobleme des Baikalsees.
Häufige Fragen zum Baikalwasser in Flaschen
Kann die Abfüllung den Baikalsee leeren?
Nein. Selbst das große geplante Werk in Kultuk hätte im Jahr so viel Wasser abgefüllt, wie die Angara in rund anderthalb Minuten aus dem See trägt. Der Seespiegel wäre dadurch rechnerisch um wenige Tausendstel Millimeter im Jahr gesunken, weit weniger als die natürlichen Schwankungen.
Ist das Werk in Kultuk endgültig gestoppt?
Die Gerichtsentscheidungen von 2019 gegen Umweltgutachten, Baugenehmigung und Pachtvertrag sind rechtskräftig. Eine neue Genehmigung oder einen Neustart hat es bis Oktober 2026 nach den ausgewerteten Quellen nicht gegeben.
Warum wird Wasser aus großer Tiefe genommen?
Weil das Tiefenwasser kalt, sauerstoffreich und weit weg von den Einleitungen der Uferorte ist. Es mischt sich nur langsam mit der Oberfläche, Belastungen aus Siedlungen und von Schiffen erreichen es deshalb kaum.
Ist Baikalwasser ein Mineralwasser?
Nein. Mit rund 96 Milligramm gelösten Salzen pro Liter ist es sehr mineralarm. Abgefüllt wird es als Trinkwasser, für das in Russland eigene Hygieneregeln gelten.
Wer hat das Projekt in Kultuk vor Gericht gebracht?
Die für den Baikal zuständige Umweltstaatsanwaltschaft, ausgelöst durch Beschwerden von Anwohnern und einen Prüfauftrag des Gouverneurs. Sie klagte gegen das Umweltgutachten, die Baugenehmigung und den Pachtvertrag und bekam in allen Verfahren recht.
Quellen: IUCN World Heritage Outlook: Lake Baikal (2025); TASS (4. März 2019, Archivkopie); Interfax (15. März 2019): Baustopp; Interfax (27. März 2019): Gutachten aufgehoben; Interfax (29. März 2019): Entnahmerohre; Interfax (2. April 2019): Bauverbot; RAPSI (25. Juni 2019): Urteil rechtskräftig; Interfax (20. September 2019): Pachtvertrag; Pravo.ru (28. Oktober 2019): Berufungsgericht; Radio Swoboda, Sibir.Realii (24. Januar 2019); RTVI (12. März 2019); Mediazona (27. März 2019); Regierungsverordnung Nr. 2399 vom 31. Dezember 2020 (FAOLEX); The Guardian (7. März 2017); UNDP-GEF Baikal-Projekt: Wasserbilanz. Stand: Oktober 2026.
