Ja. Seit den ersten Proben von 2015 wurde Mikroplastik an allen untersuchten Stellen des Baikalsees nachgewiesen: im Oberflächenwasser, im Eis und im Schnee, im Ufersediment und in Tieren. Die Mengen liegen meist unter denen vieler anderer Seen, an Anlegern, Ferienorten und im Kleinen Meer aber deutlich höher. Fasern aus Textilien überwiegen.
Wie viel Mikroplastik ist im Baikalsee?
Messbar wenig im Vergleich zu vielen anderen Seen, aber nicht überall gleich viel. Eine Übersicht Irkutsker Biologen von 2025 fasst die bisherigen Studien zum Oberflächenwasser mit mittleren Werten zwischen 0,27 und 291 Teilchen pro Kubikmeter zusammen. Die Spanne ist so groß, weil die Arbeiten mit verschiedenen Netzen, Wassermengen und Untergrenzen für die Teilchengröße gearbeitet haben. Als Mikroplastik gelten Kunststoffteilchen unter 5 Millimetern; wie klein die kleinsten gezählten Teilchen sind, hängt vom Verfahren ab.
| Studie | Gebiet und Zeit | Verfahren | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Il’ina et al. (2021) | Ufer des Südostens und Kleines Meer, Sommer 2016 | Schleppnetz an der Oberfläche | 19.000 bis 75.000 Teilchen pro km², im Mittel 42.000 |
| Moore et al. (2021) | ganzer See, 1 m Tiefe | Teilchen ab 20 µm | im Mittel 291 ± 252 Teilchen pro m³, am meisten im Kleinen Meer |
| Karnaukhov et al. (2025) | Bucht von Bolschije Koty, Februar und August 2024 | Netze mit 100 µm, Ramanspektroskopie | Oberfläche 2,7 bis 17 pro m³, Eisunterseite 0,5 bis 0,8 pro Liter, Schnee 1,6 bis 6,4 pro Liter |
| Solodkova et al. (2025) | 7 Uferstellen, August 2024 | Sediment, Teilchen ab 70 µm | im Mittel 13,2 Teilchen je 100 g, zwischen 1,2 und 50,4 |
Die seeweite Studie um die US-Limnologin Marianne Moore fand rund 100- bis 1.000-mal mehr Teilchen als frühere Messungen am Baikal, vor allem weil sie auch sehr kleine Teilchen ab 20 Mikrometern erfasste. Die Autoren folgern, dass die Belastung vieler Seen in Nordamerika und Europa wahrscheinlich stark unterschätzt wird. In der Bucht von Bolschije Koty nahm die Menge mit der Tiefe ab, von 23 Teilchen pro Kubikmeter in den obersten 5 Metern auf 3,8 in 50 bis 100 Metern.
Vergleiche mit anderen Seen sind nur innerhalb einzelner Arbeiten belastbar. Die Übersicht von 2025 stellt die Baikalwerte unter anderem dem Ladogasee mit seinen Zuflüssen gegenüber, für den 20 bis 2.400 Teilchen pro Kubikmeter angegeben werden, und dem Becken der Großen Seen Nordamerikas mit unter 10 bis 100.000. Frühere Arbeiten hatten die Belastung des Baikals dagegen als vergleichbar mit den Großen Seen beschrieben.
Woher stammt das Mikroplastik im Baikalsee?
Vor allem aus Abwasser, Müll an Ufer und Fluss, Schiffen und Zuflüssen; genau aufschlüsseln lässt sich der Anteil jeder Quelle bisher nicht. Dass Fasern überwiegen, deutet auf Textilien hin, die beim Waschen Fäden verlieren. Die Fasern im Ufersediment bestanden nach der Analyse von 2025 durchweg aus Polyester. Viele Uferorte haben veraltete oder gar keine Kläranlagen; wie das Abwasser die Uferzone zusätzlich mit Nährstoffen belastet, beschreibt die Seite über Abwasser und Algenblüte am Baikalufer.
Der Tourismus ist eine zweite Quelle. Die höchsten Konzentrationen der seeweiten Studie lagen im Kleinen Meer, dem am stärksten besuchten Teil des Sees, und auch die Proben von 2016 stammten aus einer der beliebtesten Ferienzonen. Ihre Autoren deuteten die gefundenen Polyethylen-, Polypropylen- und Polystyrolteilchen als Zerfallsprodukte von Verpackungen. Wie Besucherzahlen, Müll und Gästehäuser zusammenhängen, behandelt die Seite Tourismus und Müll am Baikalsee.
Schiffe hinterlassen eine eigene Spur. An Anlegern und Liegeplätzen bestanden die Bruchstücke überwiegend aus Alkydharz und Polyvinylalkohol, Bestandteilen von Schiffsfarben. Auch aus der Fischerei könnte Kunststoff stammen: 2019 holten Forscher Verpackungsfolien aus Polyethylen und Polypropylen aus 111 bis 133 Metern Tiefe vor dem Selenga-Delta und aus 175 bis 188 Metern im Norden des Kleinen Meers, zwei früheren Hauptfanggebieten des Omuls. Woher die Folien kamen, ist nicht geklärt.
Über die Selenga gelangt Plastik aus dem Einzugsgebiet in den See. An zwölf Uferstellen ihres Flusssystems in der Mongolei fanden japanische und mongolische Forscher umso mehr Kunststoffmüll, je dichter das Gebiet besiedelt war; am häufigsten war Styroporschaum, der vor Ort durch Frost, Sonne und Abrieb zu Mikroplastik zerfällt. Die Irkutsker Gruppe vermutet, dass Strömungen auch Fasern aus dem Selenga-Wasser bis an das gegenüberliegende Westufer tragen.

Wo sammelt sich Mikroplastik besonders an?
Nach der Studie von 2025 an vier Stellen: im Eis und im Schnee, an der Wasserlinie, an schleimigen Algen und rund um Anleger. Im Winter lagert sich Mikroplastik an der Unterseite des Eises an, und mit Wind und Niederschlag fällt es auf den Schnee; beim Abschmelzen im Frühjahr gelangt beides in das Oberflächenwasser. An der Wasserlinie halten Wellen die Teilchen in der Schwebe: Dort zählten die Forscher 17 Teilchen pro Kubikmeter, ein Kilometer weiter draußen 2,7.
Pflanzen und Algen binden Teilchen sehr unterschiedlich. Die schleimige, endemische Grünalge Draparnaldioides baicalensis trug rund 390 Teilchen pro Gramm Trockenmasse, die Wasserpest Elodea canadensis ohne Schleimschicht nur rund 5. Am stärksten belastet war das Sediment am Anleger der Bucht: im Mittel rund 1.550, höchstens 1.813 Teilchen je 100 Gramm Trockenmasse. Das entspricht dem höchsten bisher weltweit für Seesedimente gemeldeten Wert von 1.810. Bei Wellengang stieg die Konzentration im Wasser dort auf das Sechsfache. Auch vor Listwjanka, wo ebenfalls Schiffe liegen, enthielt das Ufersediment 2024 deutlich mehr Bruchstücke als an allen anderen untersuchten Stellen.
Nehmen die Tiere des Baikalsees Mikroplastik auf?
Ja, aber nach bisherigen Messungen in kleinen Mengen. In der Bucht von Bolschije Koty untersuchten Biologen 2024 fünf Arten von Flohkrebsen: Im Mittel trug ein Tier zwischen 0,03 und 0,33 Teilchen, am meisten die Uferart Eulimnogammarus verrucosus und der Freiwasserkrebs Macrohectopus branickii, der Ruderfußkrebse frisst. Über die Vielfalt dieser Tiergruppe informiert die Seite über die Flohkrebse des Baikalsees. Bei zwei Schneckenarten lagen die Werte bei 0,08 und 0,1 Teilchen je Tier.
Von sechs gefangenen Groppen der bodenlebenden Art Paracottus knerii enthielten drei Mikroplastik. Zwei hatten einzelne Fasern in den Kiemen, eine trug 48 Bruchstücke im Darm, nach Deutung der Autoren wohl Farbpartikel, die sie beim Jagen am Grund aufgewirbelt und verschluckt hatte. Eine internationale Arbeit von 2025 wies Mikroplastik außerdem im Ruderfußkrebs Epischura baicalensis nach, dem wichtigsten Filtrierer des Sees. Köcherfliegenlarven bauten an belasteten Stellen Kunststoffteilchen in großer Zahl in ihre Köcher ein, und auf Folien aus über 100 Metern Tiefe fanden Forscher Kokons von Egeln und Laich endemischer Schnecken.
Was die Teilchen in den Tieren bewirken, ist für den Baikal kaum untersucht. Im Labor nahmen Baikal-Schnecken Mikroplastik auf und schieden es je nach Form unterschiedlich schnell wieder aus. Ein Versuch des Limnologischen Instituts zeigte 2026, dass Nanoplastik aus Polystyrol und PVC die Verdauungsdrüse der endemischen Schnecke Benedictia baicalensis schädigt: Bei der höchsten Dosis von 1 Milligramm pro Liter starben die Tiere nach rund fünf Monaten, geringere Dosen führten nach neun Monaten zu ähnlichen Schäden. Solche Konzentrationen wurden im See bisher nicht gemessen.
Wie verlässlich sind die Messungen?
Sie zeigen die Größenordnung, aber noch kein vollständiges Bild. Die meisten Proben stammen aus dem Sommer, aus der Oberfläche und aus wenigen Buchten des Südens und des Kleinen Meers. Netze mit 100 oder 300 Mikrometern Maschenweite übersehen die kleinsten Teilchen, die nach der seeweiten Studie die Mehrheit stellen. Spröde Kunststoffe wie Farbpartikel können bei der chemischen Aufbereitung zerfallen und werden dann unterschätzt, schreiben die Autoren der Sedimentstudie. Viele Teilchen werden unter dem Mikroskop von Hand gezählt; die Polymerart bestimmen einige Gruppen zusätzlich mit Ramanspektroskopie.
Die Forscher selbst nennen ihre Ergebnisse vorläufig. Bei den Tieren lagen jeweils nur sechs Sammelproben zu fünf Tieren vor, bei den Fischen sechs Exemplare. Für das tiefe Wasser und die Sedimente der Tiefsee fehlen systematische Daten, ebenso lange Messreihen, die einen Trend zeigen könnten. Die Gruppe aus Irkutsk fordert deshalb einheitliche Verfahren und eine niedrigere Nachweisgrenze.
Was wird gegen Mikroplastik im Baikal getan?
Eigene Regeln gegen Mikroplastik gibt es für den Baikal nicht, Stand Oktober 2026. Eine rechtswissenschaftliche Analyse von 2024 stellt fest, dass sowohl landesweite als auch besondere Vorschriften für das Baikal-Naturterritorium fehlen, und schlägt einen Rat vor, der Maßnahmen der russischen Regionen und der mongolischen Aimags im ganzen Einzugsgebiet abstimmt. Indirekt wirken Maßnahmen gegen Abwasser und Müll: Nach Regierungsangaben sank die Menge verschmutzten Abwassers im Baikal-Naturterritorium bis 2023 von 247 auf 167,2 Millionen Kubikmeter im Jahr, und im Juli 2026 nannte sie 45 beseitigte Deponien in der Oblast Irkutsk und in Burjatien. Ob neue Kläranlagen auch Fasern zurückhalten, geht aus den Angaben nicht hervor.
Im Pribaikalski-Nationalpark stehen während der Sommersaison an den Wegen Sammelstellen für getrennten Müll. Die Forscher empfehlen, gezielt die Stellen mit hohen Konzentrationen zu überwachen, also Anleger, Wasserlinie und das Eis im Frühjahr, und die Langzeitwirkung auf die Tiere zu untersuchen. Wie Mikroplastik unter den übrigen Umweltproblemen einzuordnen ist, zeigt die Übersicht Umweltprobleme des Baikalsees.
Häufige Fragen zu Mikroplastik im Baikalsee
Ist der Baikalsee stärker mit Plastik belastet als andere Seen?
Nach den meisten Studien nicht. Die gemessenen Mengen im Wasser liegen unter vielen Werten aus dem Ladogasee, aus China oder aus Nordamerika. Örtlich, etwa am Sediment von Anlegern, erreichen sie aber Spitzenwerte, und die seeweite Studie zeigt, dass ältere Messungen kleine Teilchen übersehen haben.
Warum steckt im Eis mehr Mikroplastik als im Wasser?
Beim Gefrieren lagern sich Teilchen aus dem Wasser an der Unterseite des Eises an, und auf dem Schnee sammelt sich über den Winter, was Wind und Niederschlag mitbringen. Pro Liter enthielt der Schnee 2024 bis 6,4 Teilchen, das Seewasser pro Kubikmeter einige wenige. Im Frühjahr gibt das schmelzende Eis die Teilchen frei.
Gibt es Mikroplastik auch in der Tiefe des Sees?
Im Freiwasser nimmt die Menge mit der Tiefe ab, gemessen wurde bisher aber nur bis 100 Meter. Größere Kunststoffteile fanden Forscher 2019 in 110 bis 190 Metern Tiefe. Für das Tiefenwasser und die Sedimente der tiefen Becken gibt es noch keine systematischen Messungen.
Aus welchen Kunststoffen besteht das Mikroplastik?
Im Wasser vor allem aus Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol, die als Verpackung verbreitet sind und leicht an der Oberfläche treiben. Die Fasern bestehen meist aus Polyester. An Anlegern überwiegen Alkydharz und Polyvinylalkohol aus Farben und Lacken.
Schadet Mikroplastik den endemischen Tieren?
Das ist offen. Flohkrebse, Schnecken und Fische nehmen Teilchen auf, im See aber in geringer Zahl. Laborversuche zeigen Schäden bei Schnecken erst bei Mengen, die weit über den gemessenen liegen; wie sich eine dauerhafte, geringe Belastung auswirkt, wollen die Forscher als Nächstes untersuchen.
Quellen: Karnaukhov et al. (2025), Environments 13: Multi-Matrix-Studie Bolschije Koty; Solodkova et al. (2025), Limnological Review 25: Mikroplastik im Ufersediment; Moore et al. (2021), Limnology 23: seeweite Untersuchung; Il’ina et al. (2021), Water Resources 48; Kondratov et al. (2021), Biology 10: Kunststoff aus 110–190 m Tiefe; Battulga et al. (2019): Plastikmüll im Selenga-Becken; Annenkov et al. (2026), Environmental Toxicology and Chemistry 45; Luneva (2024), Gossudarstwo i prawo: Rechtsschutz des Baikals vor Mikroplastik; IUCN World Heritage Outlook: Lake Baikal (2025); Meyer et al. (2022), Limnology and Oceanography 67; Yang et al. (2025), Journal of Great Lakes Research 51; Biritskaya et al. (2024), Inland Water Biology 17. Stand: Oktober 2026.
