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Forschungsblatt · Orte & Olchon

Sljudjanka: Marmorbahnhof und Südspitze

Bahnstadt aus Marmor und Glimmer an der Südwestspitze des Sees

Bereich
Orte & Olchon
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· 8 Min. Lesezeit
Blick von einem Hang über die Südwestspitze des Sees mit einer Kleinstadt und Bahnlinie am Ufer, dahinter der Chamar-Daban
Abb. 1Die Südwestspitze des Sees mit dem Chamar-Daban im Hintergrund. Symbolbild
Kurz gesagt

Sljudjanka ist eine Kreisstadt an der Südwestspitze des Baikalsees mit 18.058 Einwohnern bei der Volkszählung 2021. Sie entstand 1899 als Bahnsiedlung beim Bau der Bahn um das Südufer; ihr Bahnhof von 1904 ist aus hellem Marmor gemauert. Der Name geht auf den Glimmer zurück, russisch sljuda, der in der Umgebung abgebaut wurde.

Wo liegt Sljudjanka?

Sljudjanka liegt am Südwestende des Baikalsees, dort, wo das Ufer von der Nord-Süd-Richtung nach Osten umbiegt. Die Stadt steht auf einer leicht zum See geneigten Schotterebene, die die Flüsse Sljudjanka und Pochabicha aus den Bergen aufgeschüttet haben; sie ist von West nach Ost rund fünf Kilometer lang und zwei bis vier Kilometer breit. Im Süden steigt der Komar-Rücken an, ein Teil des Chamar-Daban-Gebirges, im Westen springt das Schamanenkap, der Schamanski Mys, in den See vor. Der Seespiegel liegt hier auf rund 456 Metern Höhe.

Wenige Kilometer nordwestlich, hinter dem Kap, liegt die Siedlung Kultuk mit 3.408 Einwohnern (2021), rund 32 Kilometer östlich die Stadt Baikalsk. Durch Sljudjanka führen die Transsibirische Eisenbahn und die Fernstraße R258 „Baikal“ von Irkutsk nach Ulan-Ude. Wie die anderen Orte am Südufer zueinander liegen, zeigt die Übersicht der Orte am Baikalsee.

Die Stadt liegt mitten in der Baikal-Riftzone. Spürbare Erdbeben gab es unter anderem 1862, 1959, 1995 und 1999. Am 27. August 2008 erreichten die Erschütterungen eines Bebens, dessen Zentrum rund 50 Kilometer nördlich von Baikalsk unter dem See lag, in Sljudjanka die Stärke 8 auf der russischen Intensitätsskala; Häuser bekamen Risse, Gleise verschoben sich, eingestürzt ist kein Wohnhaus. Im September 2020 bebte die Erde erneut stark, mit dem Zentrum nahe Kultuk.

Woher hat Sljudjanka seinen Namen?

Vom Glimmer, russisch sljuda, der in den Bergen hinter der Stadt vorkommt. Gemeint ist vor allem Phlogopit, ein brauner Magnesiumglimmer, der sich in dünne, hitzebeständige und elektrisch isolierende Blätter spalten lässt. Im 17. Jahrhundert war Glimmer neben Pelzen und Salz eines der begehrtesten Güter, nach denen die russischen Eroberer in Sibirien suchten. Kosaken fanden ihn am Mittellauf eines kleinen Flusses, der später Sljudjanka genannt wurde.

Um den Abbau zu sichern, errichtete der Kosak Iwan Pochabow 1647 an der Mündung des Nachbarflusses einen kleinen Ostrog, eine befestigte Holzsiedlung. Sie wurde bald an die Stelle des heutigen Kultuk verlegt, der Fluss Pochabicha trägt bis heute seinen Namen. Danach blieb die Gegend über anderthalb Jahrhunderte ohne feste Siedlung. In den 1780er-Jahren untersuchte der Naturforscher Erik Laxmann die Minerale der Umgebung, entdeckte das Lasurit-Vorkommen an der Malaja Bystraja und fand die alten Glimmerfundstellen wieder. 1802 legten Siedler an der Stelle der heutigen Stadt eine Winterhütte an, die zur Poststation an der Straße nach Kjachta wurde.

JahrEreignis
1647Ostrog von Iwan Pochabow, bald nach Kultuk verlegt
1780erErik Laxmann findet Lasurit und die Glimmervorkommen wieder
1802Winterhütte und Poststation Sljudjanskoje
1899Gründung der Bahnsiedlung Sljudjanka
1904–1905Marmorbahnhof und Lokdepot fertig, Zugverkehr ab Oktober 1905
1924Beginn des industriellen Glimmerabbaus
1928 / 1936Arbeitersiedlung / Stadt
1949neue Transsib-Strecke Irkutsk–Sljudjanka über das Olcha-Plateau
1957Steinbruch Perewal liefert erstes Rohmaterial
1970erEnde des Glimmerabbaus, Umstellung auf Marmor

Industriell abgebaut wurde der Glimmer erst im 20. Jahrhundert. 1902 steckte ein örtlicher Erzsucher namens Jakunin Glimmeradern rund drei Kilometer vom Bahnhof ab, ab 1924 begann der planmäßige Abbau, 1927 oder 1929 folgte eine eigene Bergbauverwaltung. Glimmer aus Sljudjanka ging in die Elektrotechnik und den Maschinenbau. 1958 drang Wasser in eine der Gruben ein; um es abzuleiten, wurde ein fünf Kilometer langer Stollen zum Baikal getrieben. Mitte der 1970er-Jahre wurde der Abbau eingestellt, nach russischen Angaben, weil der Absatz des Glimmers aus den neuen Lagerstätten in Jakutien gesichert werden sollte.

Warum gilt die Gegend als Fundgrube für Minerale?

Weil hier sehr alte, unter hohem Druck und hoher Temperatur umgewandelte Gesteine an die Oberfläche treten, der sogenannte Sljudjanka-Kristallinkomplex. Er besteht aus Marmor, kristallinen Schiefern, Gneisen und Granit, durchzogen von Gängen mit seltenen Mineralen. Nach einer Arbeit von Ivanov, Gladkochub und Kollegen (2026) wurden die Gesteine im Ordovizium, also vor rund 485 bis 444 Millionen Jahren, in der Granulitfazies umgewandelt, das heißt bei sehr hohen Temperaturen in der tiefen Erdkruste. Ihre Heraushebung an die Oberfläche setzen die Autoren ins späte Känozoikum, die Zeit, in der sich auch der Baikalgraben vertiefte.

Die bekanntesten Rohstoffe sind Glimmer, Marmor, Lasurit und marmorisierter Kalkstein. Lasurit, der blaue Schmuckstein Lapislazuli, wurde nach Laxmanns Fund nach Sankt Petersburg geliefert und nach russischen Angaben unter anderem in Peterhof verbaut; von 1851 bis 1863 baute ihn ein Handwerker der Jekaterinburger Steinschleiferei namens Permikin ab, danach ruhte die Förderung fast hundert Jahre. Daneben fanden Geologen in den Bergen um die Stadt rund hundert weitere Minerale, darunter Apatit, Diopsid, Wollastonit und Korund. Ein Apatitvorkommen rund drei Kilometer von der Stadt wird wegen seiner Lage in der Uferschutzzone nicht abgebaut. In der Stadt zeigt ein Mineralienmuseum Funde aus der Umgebung.

Weiße und graue Marmorfelsen mit dunklen Mineralbändern am Kiesufer, dahinter Berge
Abb. 2Marmor und Glimmerschiefer prägen die Ufer bei Sljudjanka. Symbolbild

Warum ist der Bahnhof aus Marmor gebaut?

Weil Marmor an Ort und Stelle zu haben war. Der Bahnhof Sljudjanka I wurde ab dem 23. Mai 1903 aus weißem und rosa Marmor errichtet, der unpoliert in Bänder- und Zyklopenmauerwerk verlegt ist, und 1904 fertiggestellt; der symmetrische Bau kostete 89.218 Rubel. Wer ihn entworfen hat, ist nicht gesichert, die örtliche Überlieferung nennt einen italienischen Baumeister. Oft heißt es, er sei der einzige ganz aus Marmor gebaute Bahnhof Russlands oder sogar der Welt; überprüfen lässt sich das nicht. Er gehört zum Denkmalkomplex der Circum-Baikal-Bahn, der als Kulturerbe von föderaler Bedeutung geschützt ist. 2005, zum hundertjährigen Bestehen der Bahn, wurde der Bahnhof renoviert und um eine Ausstellung zur Baugeschichte ergänzt.

Dass der Bahnknoten überhaupt in Sljudjanka liegt, hat mit dem Nachbarort zu tun. Ursprünglich sollte die Station nach dem Willen des Verkehrsministers Michail Chilkow in Kultuk entstehen, die Dorfgemeinde lehnte es aber nach der Überlieferung ab, ihr knappes Ackerland abzugeben. So wurde 1899 auf der flachen Ebene hinter dem Schamanenkap eine neue Bahnsiedlung angelegt, in der zwei Bauabschnitte der Bahn um das Südufer ihren Sitz hatten. Ab Oktober 1905 fuhren hier regelmäßig Züge. Wie die Strecke um den See entstand, beschreibt die Seite über die Transsib am Baikalsee.

Fassade eines kleinen historischen Bahnhofs aus grob behauenen hellen Marmorblöcken mit Rundbogenfenstern
Abb. 3Ein Bahnhof aus hellem Marmor. Symbolbild

Bis in die 1940er-Jahre führte die Transsib von Irkutsk an der Angara entlang nach Port Baikal und von dort am Steilufer über Kultuk nach Sljudjanka. 1949 wurde eine kürzere Strecke über das Olcha-Plateau direkt nach Sljudjanka fertig, 1956 versank der Abschnitt an der Angara im Irkutsker Stausee. Der Teil zwischen Sljudjanka und Port Baikal blieb als Stichstrecke erhalten; sie beginnt am Bahnhof Sljudjanka II und ist rund 89 Kilometer lang. Ihre Tunnel, Galerien und Brücken stellt die Seite über die Circum-Baikal-Bahn vor. Die Bergstrecke nach Irkutsk wurde 1956 elektrifiziert; bis 1969 war Sljudjanka der östlichste elektrifizierte Bahnhof der Sowjetunion.

Wovon lebt Sljudjanka heute?

Vor allem von der Eisenbahn, dem Steinabbau und zunehmend vom Tourismus. Sljudjanka ist ein wichtiger Bahnknoten der Transsib mit Lokdepot. Nach dem Ende des Glimmerabbaus stellte die Bergbauverwaltung auf Marmor, Gneis und Granodiorit um; Marmor aus Sljudjanka verkleidet unter anderem Metrostationen in Moskau und Nowosibirsk. Seit 1957 liefert der Steinbruch Perewal marmorisierten Kalkstein als Rohstoff für Zement, der für die Staudämme an der Angara gebraucht wurde; die Vorräte wurden damals auf 200 Millionen Tonnen geschätzt. In den 2000er-Jahren arbeitete der Steinbruch mit Unterbrechungen.

Die Wirtschaft hat sich seit 1990 stark verändert. Die Bergbauverwaltung zerfiel nach der Privatisierung in mehrere Firmen, die Fischkonservenfabrik am Südbaikal schloss 1998. Die Einwohnerzahl sank von 21.388 im Jahr 1959 über 19.872 (1989) und 18.574 (2010) auf 18.058 im Jahr 2021. Die Große Sowjetische Enzyklopädie nannte für 1974 rund 21.000 Einwohner, Bahnbetriebe, Marmorabbau und eine Fischkonservenfabrik. Heute gilt die Stadt auch als touristisches Zentrum der Oblast Irkutsk, vor allem als Ausgangspunkt der Circum-Baikal-Bahn und der Bergwege im Chamar-Daban.

Was liegt in der Umgebung?

Nordwestlich der Stadt liegt Kultuk, die erste russische Siedlung am Südende des Sees und Namensgeber eines Windes. Der Kultuk weht aus Südwesten über die Längsachse des Sees und bringt meist schlechtes Wetter; wie er und die anderen Winde entstehen, erklärt die Seite über Sarma, Bargusin und Kultuk. In Kultuk zweigt die Fernstraße A333, der Tunkinski Trakt, ins Tunka-Tal und weiter zur mongolischen Grenze ab. 2019 lösten Pläne für ein großes Werk, das in Kultuk Baikalwasser für den Export nach China abfüllen sollte, Proteste aus; ein Gericht untersagte den Weiterbau im selben Jahr.

Südlich der Stadt erhebt sich der Pik Tscherski, mit 2.090 Metern der höchste Gipfel des Komar-Rückens, benannt nach dem Sibirienforscher Iwan Tscherski. Er liegt rund 17 Kilometer Luftlinie von Sljudjanka entfernt, an seinem Südfuß liegt der kleine Bergsee Serdze. An seinen Hängen entspringt der Fluss Sljudjanka. Auf dem Schamanenkap westlich der Stadt fanden Archäologen 1962 Gräber aus der Kupfersteinzeit. Felsbilder in Höhlen des Kaps liegen seit dem Aufstau der Angara in den 1950er-Jahren unter Wasser.

Häufige Fragen zu Sljudjanka

Ist der Bahnhof von Sljudjanka wirklich aus Marmor?

Ja. Das Empfangsgebäude von 1904 ist aus unpoliertem weißem und rosa Marmor aus der Umgebung gemauert. Ob es der einzige Bahnhof dieser Art in Russland ist, wie oft behauptet wird, lässt sich nicht sicher belegen.

Wie weit ist Sljudjanka von Irkutsk entfernt?

Auf der Straße rund 110 Kilometer, auf der Bahnstrecke 126 Kilometer. Die Bahn überquert dabei das Olcha-Plateau und erreicht den See erst kurz vor der Stadt.

Beginnt in Sljudjanka die Circum-Baikal-Bahn?

Ja, die historische Uferbahn nach Port Baikal zweigt am Bahnhof Sljudjanka II ab und führt rund 89 Kilometer am Südwestufer entlang. Sie war bis 1949 Teil der Hauptstrecke der Transsib und ist heute eine Nebenbahn.

Wird bei Sljudjanka noch Glimmer abgebaut?

Nein. Der Glimmerabbau endete Mitte der 1970er-Jahre. Heute werden in der Umgebung vor allem marmorisierter Kalkstein für die Zementherstellung und Marmor gewonnen; die alten Glimmergruben sind aufgegeben.

Wie hoch ist der Pik Tscherski?

Der Gipfel im Komar-Rücken des Chamar-Daban ist 2.090 Meter hoch und liegt rund 17 Kilometer südlich der Stadt. Er ist nicht mit dem gleichnamigen, rund 2.570 Meter hohen Berg im Baikalgebirge am Nordwestufer zu verwechseln.

Quellen: Rosstat: Volkszählung 2021, Tabelle 5 (Archivkopie); Große Sowjetische Enzyklopädie: Sljudjanka; Ivanov, Gladkochub et al. (2026): Slyudyanka Crystalline Complex, Petrology 34; Wikidata: Sljudjanka, Bevölkerungsreihe; Wikipedia (russisch): Слюдянка (город), Слюдянка I, Полезные ископаемые Слюдянки, Култук (Слюдянский район), Пик Черского. Stand: Oktober 2026.

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