Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Orte & Olchon

Olchon: die größte Insel im Baikalsee

Steppe, Lärchenwald und heilige Kaps am mittleren Westufer

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Orte & Olchon
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· 10 Min. Lesezeit
Goldene Steppenhügel enden an hellen Felsklippen über einer kleinen Sandbucht
Abb. 1Steppe und Felsküste auf Olchon. Symbolbild
Kurz gesagt

Olchon ist mit rund 730 Quadratkilometern die größte Insel im Baikalsee. Sie liegt am mittleren Westufer, ist rund 72 Kilometer lang und 10 bis 20 Kilometer breit und wird vom Festland durch das Kleine Meer getrennt. Steppe, Dünen und Lärchenwald wechseln auf engem Raum. Bei der Volkszählung 2021 lebten hier 1.921 Menschen, die meisten in Chuschir.

Wo liegt Olchon, und wie ist die Insel gestaltet?

Olchon liegt in der Mitte des Westufers, dort, wo der Baikal am breitesten ist. Die Insel zieht sich von Südwesten nach Nordosten parallel zur Küste und ist vom Festland durch das Kleine Meer getrennt, im Süden durch die nur ein bis zwei Kilometer breite Meerenge Olchonskije Worota, das „Olchon-Tor“. Ostwärts fällt sie zum offenen See ab, den man im Gegensatz dazu das Große Meer nennt. Rund 20 Kilometer vor dieser Ostküste liegt die tiefste Stelle des Baikals mit 1.642 Metern.

Die Insel ist auffällig asymmetrisch gebaut. Die Westseite senkt sich in sanften Hügeln, Steppenflächen und flachen Buchten zum Kleinen Meer; hier liegen Sandstrände, Wanderdünen und alle größeren Siedlungen. Die Ostseite steigt dagegen steil aus dem Wasser auf und erreicht im Berg Schima rund 1.275 Meter, gut 800 Meter über dem Seespiegel. Die Asymmetrie entspricht dem Bau des ganzen Grabens, dessen Bruchstufen steil zum tiefen Becken abfallen.

Das Grundgebirge besteht aus sehr alten, unter hohem Druck umgewandelten Gesteinen, vor allem Gneisen, dazu Marmor, Quarzit und Granit. Die Nationalparkverwaltung ordnet sie dem Archaikum zu, also einem Alter von mehr als 2,5 Milliarden Jahren; neuere geologische Arbeiten datieren die Gneise an der Westküste dagegen ins Paläozoikum. Entlang des Kleinen Meeres verläuft eine große Bruchlinie, die Obrutschew-Verwerfung, an der das Festlandufer gegenüber abgesunken ist. Wo die Küste aus Marmor besteht, haben Brandung und Verwitterung Grotten, Felsbögen und Kaps herausgearbeitet; das bekannteste ist der Felsen am Kap Burchan bei Chuschir. Jüngere Ablagerungen sind an der Bucht Tagai an der Nordwestküste südwestlich von Chuschir erschlossen. Dort fanden Forscher Zähne eines kleinen Bibers aus dem mittleren Miozän, vor rund 16,5 Millionen Jahren. Sie zeigen, dass am Baikal damals feuchte, warm gemäßigte Wälder wuchsen.

Karte der Insel Olchon mit Chuschir, Schamanenfelsen, Kap Choboi, Berg Schima, Kleinem Meer und Fährstelle
Abb. 2Die Insel Olchon. Datengrafik nach Natural Earth, Wikidata und OpenStreetMap

Die Vegetation folgt dem Relief. Der Süden der Insel und der Saum am Kleinen Meer sind überwiegend Steppe mit einzelnen Kiefern- und Lärchengruppen. Nach Norden und Osten hin, wo die Berge ansteigen, schließen sich Lärchenwälder an, in höheren Lagen auch Restbestände von Fichte. An der Nordspitze, dem Kap Choboi, öffnet sich die Landschaft wieder zu einem Steppenplateau über steilen Marmorklippen. Sein burjatischer Name bedeutet nach Angaben der Parkverwaltung „Fangzahn“, nach einer Felsnadel; von hier zieht sich der Akademikerrücken unter Wasser nach Nordosten zu den Uschkani-Inseln.

Wie ist das Klima auf Olchon?

Olchon ist einer der sonnigsten und trockensten Orte am Baikal. Für Chuschir geben Forscher des Limnologischen Instituts und der Baikal-Universität eine Sonnenscheindauer von 2.277 Stunden im Jahr an, mehr als an den meisten Küsten Mitteleuropas. Der Jahresniederschlag liegt bei nur rund 200 bis 250 Millimetern. Ursache ist der Regenschatten: Die feuchten Luftmassen aus Westen regnen sich an der Primorski-Kette ab, bevor sie die Insel erreichen.

Prägend ist außerdem der Wind. Die Sarma, ein heftiger Fallwind aus dem Tal des gleichnamigen Flusses am gegenüberliegenden Festland, stürzt vor allem im Herbst mit großer Gewalt über das Kleine Meer. Die Kombination aus Trockenheit, dünner Bodendecke und Wind macht die Insel anfällig für Erosion. Wo Fahrzeuge und Weidevieh die Grasnarbe zerstören, beginnt der Sand zu wandern; Reporter beschrieben 2016, dass Siedlungen, die einst neben Wald oder Steppe angelegt wurden, nach einigen Jahren in sandigem Ödland stehen. Die Winter sind kalt, aber durch den See etwas milder als im Hinterland, die Sommer kurz und mäßig warm.

Wer lebt auf Olchon, und seit wann ist die Insel besiedelt?

Auf Olchon lebten bei der Volkszählung 2021 genau 1.921 Menschen, nach den Fortschreibungen der 2010er-Jahre waren es rund 1.700. Alle Siedlungen der Insel bilden zusammen die Gemeinde Chuschir im Olchonski-Rajon, dessen Verwaltungssitz Jelanzy auf dem Festland liegt. Die Bewohner sind überwiegend Burjaten und Russen. Der Hauptort Chuschir beherbergt den weitaus größten Teil der Bevölkerung, daneben gibt es nur sehr kleine Orte.

SiedlungLageEinwohner 2010
ChuschirWestküste, Inselmitte1.251
CharanzyWestküste, rund 6 km nordöstlich von Chuschir97
JalgaWestküste, südwestlich von Chuschir90
Maly ChuschirWestküste, südwestlich von Chuschir60
Chalgainordöstlich von Chuschir, landeinwärts46
UsuryNordostküste, bei einer Forschungsstation9
PestschanajaNordwestküste8
Chadai, UssykEinzelsiedlungen, Chadai im Südwestenje 3

Die Zahlen der Tabelle stammen aus der Volkszählung 2010; für die einzelnen Orte sind aus der Zählung 2021 keine Werte veröffentlicht. Zusammen ergeben sie 1.567 Einwohner, die Zunahme bis 2021 dürfte vor allem auf Chuschir entfallen.

Besiedelt ist Olchon seit der Jungsteinzeit. Schon in den 1920er-Jahren wurden in den Buchten der Westküste Lagerplätze aus dem Neolithikum entdeckt, später fanden Schüler des Heimatforschers Nikolai Rewjakin aus Chuschir mehr als zwanzig weitere. Der Archäologe Pawel Choroschich untersuchte in den 1950er-Jahren Höhlen auf der Insel und am gegenüberliegenden Ufer. Die eisenzeitlichen Funde, darunter Pfeilspitzen, Knochengeräte und verzierte Keramik, schrieb er überwiegend den Kurykanen zu, einem Volk turksprachiger Herkunft, das zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert am Baikal lebte. Ihnen wird auch eine alte Steinmauer am Kap Chorgoi im Süden der Insel zugeschrieben.

In der Neuzeit war Olchon burjatisches Weide- und Fischerland. Die Bevölkerung lebte in kleinen Ulussen, hielt Vieh und fischte im Kleinen Meer, das zu den ältesten Fischereirevieren des Sees gehört. Den tiefsten Einschnitt brachte die Sowjetzeit. 1938 entstand in Chuschir das Maloje-More-Fischwerk, das die kleineren Fischereibetriebe der Gegend zusammenfasste und vor allem Omul verarbeitete. Bis Mitte der 1950er-Jahre bestand in der Flur Pestschanoje, rund 20 Kilometer nördlich von Chuschir, ein Arbeitslager, dessen Häftlinge in einer Abteilung des Fischwerks arbeiteten. In derselben Zeit lebten auf der Insel Sondersiedler, die aus Litauen, der Westukraine und anderen Gebieten deportiert worden waren.

Nach dem Ende der Sowjetunion verlor die Fischerei an Bedeutung. Das Fischwerk wurde 1993 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und arbeitete mit teurem Dieselstrom, bis es schließlich ganz stillgelegt wurde. Strom aus dem Netz erhielt die Insel erst im Juli 2005, über zwei rund zwei Kilometer lange Kabel am Grund der Olchonskije Worota. Bis dahin hatten Dieselaggregate nur einige Stunden am Tag Elektrizität geliefert. Seit den 1990er-Jahren ist der Tourismus zur wichtigsten Einnahmequelle geworden.

Warum gilt Olchon als heilige Insel?

In der Überlieferung der Burjaten ist Olchon der Wohnort der mächtigsten Geister des Baikals. Nach den Erzählungen stieg hier ein von den Himmelsgöttern gesandtes Wesen auf die Erde herab, und auf der Insel lebt der „Herr“ des Ortes, dem man Opfer brachte und dessen Ruhe man nicht stören durfte. Als Sitz dieses Herrn gilt eine Höhle im Schamanenfelsen am Kap Burchan, dem bekanntesten heiligen Ort des Sees. Auch der Berg Schima wird verehrt.

Diese Bedeutung ist keine bloße Vergangenheit. Seit 1990 halten burjatische Schamanen nach russischen Angaben jedes Jahr ein gemeinsames Gebet auf der Insel ab, den Tailgan. In einer Befragung, die eine Studie der Moskauer Lomonossow-Universität 2021 auswertete, bezeichneten 86 Prozent der Bewohner Olchons den Baikal und seine Umgebung als heiligen Ort. Neben den Pfählen und Stoffbändern an Kaps und Wegen steht in Chuschir seit 2007 auch eine orthodoxe Kirche.

Welche Natur schützt der Nationalpark auf Olchon?

Der größte Teil der Insel gehört seit 1986 zum Pribaikalski-Nationalpark; gebaut werden darf nur innerhalb der Siedlungen. Schon 1977 war auf Olchon ein Schutzgebiet für Wildtiere eingerichtet worden. Damals siedelten Jagdbiologen auch den Isjubr wieder an, die sibirische Form des Rothirschs, der auf der Insel um die Mitte des 20. Jahrhunderts ausgerottet worden war.

Botanisch bedeutend sind vor allem die Steppen und Dünen. Auf den kargen Hängen wachsen Reliktpflanzen, die ihre nächsten Verwandten in den Steppen Zentralasiens oder in der Tundra haben. In den Dünen von Pestschanoje kommt der Olchon-Tragant vor, Astragalus olchonensis, ein Schmetterlingsblütler, der nur hier wächst. Die Parkverwaltung nennt außerdem eine eigene Wühlmausform der Insel, die Olchon-Wühlmaus, als Endemit und plant ihre Lebensräume bei neuen Wegen gezielt aus. Wie Steppe und Taiga rund um den See verteilt sind, beschreiben die Seiten der Station Natur.

Alte Lärchen an einem steilen Hang über dem offenen See
Abb. 3Lärchenwald an den steilen Osthängen. Symbolbild

Wie ist Olchon mit dem Festland verbunden?

Eine feste Verbindung gibt es nicht. In der eisfreien Zeit verkehren Autofähren über die Olchonskije Worota zwischen der Anlegestelle bei Sachjurte und dem Südende der Insel. Im Sommer bildeten sich davor regelmäßig lange Warteschlangen, weil die Fähren die wichtigste Engstelle des gesamten Verkehrs sind. Von der Anlegestelle führt eine Inselstraße über rund 35 Kilometer nach Chuschir. Sie war lange nur geschottert; 2025 begann die Asphaltierung der Abschnitte vor dem Ort und der Straße nach Charanzy.

Im Hochwinter, wenn das Kleine Meer fest zugefroren ist, geben die Behörden eine markierte Eispiste frei, meist von Mitte oder Ende Februar bis Ende März. Sie führt nicht über die Fährstelle, sondern vom Festland bei Kurkut oder Chadarta zur Bucht Irkutskaja Guba. Dazwischen liegen zwei Übergangszeiten, beim Zufrieren und beim Eisaufbruch, in denen weder Fähre noch Piste nutzbar sind und nur Luftkissenboote Menschen befördern; Fahrzeuge bleiben dann auf ihrer Seite. Wie die Piste freigegeben wird und welche Unglücke es gab, beschreibt die Seite Eisstraßen auf dem Baikalsee.

Welche Folgen hat der Tourismus für die Insel?

Der Andrang hat in wenigen Jahren stark zugenommen. Nach einer Untersuchung der Baikal-Universität und des Limnologischen Instituts stieg die Zahl der Besucher, die auf die Insel kamen, von rund 110.000 im Jahr 2016 auf rund 530.000 im Jahr 2018. Eine Studie der Lomonossow-Universität schätzt, dass sich im Sommer 2017 zur Spitzenzeit gleichzeitig 22.000 bis 23.000 Touristen auf der Insel aufhielten, bei rund 2.000 Einwohnern. Weil im Nationalpark nur innerhalb der Siedlungen gebaut werden darf, wurden deren Flächen mehrfach erweitert; sie nehmen inzwischen rund ein Zehntel der Insel ein.

Die Infrastruktur hält damit nicht Schritt. Chuschir hatte nach einer Reportage von 2016 weder eine zentrale Wasserversorgung noch eine Kanalisation, Kläranlagen fehlten nach Angaben von 2020 auf der ganzen Insel, und Abfälle müssen aufs Festland gebracht werden. Wilde Fahrspuren zerschneiden die Steppe und beschleunigen die Erosion, an beliebten Kaps ist der Boden zertreten. Nationalpark und Behörden reagieren mit Absperrungen, Wegen und Lehrpfaden; für den Süden der Insel am Kap Kobylja Golowa plant die Parkverwaltung einen Pfad, der die Lebensräume der Wühlmaus umgeht und dessen Wirkung 2028 überprüft werden soll.

Häufige Fragen zu Olchon

Wie groß ist Olchon?

Olchon misst rund 730 Quadratkilometer und ist damit die mit Abstand größte der 27 Inseln des Baikals. Die Länge beträgt rund 72 Kilometer, für die Breite nennen Quellen je nach Messung 10 bis 20 Kilometer, weil die Küste stark gegliedert ist.

Wie viele Menschen wohnen auf Olchon?

Bei der russischen Volkszählung 2021 wurden 1.921 Einwohner gezählt, frühere Fortschreibungen lagen bei rund 1.700. Die meisten leben in Chuschir, die übrigen in acht sehr kleinen Siedlungen.

Gibt es auf Olchon Wald?

Ja. Neben der bekannten Steppe trägt die Insel ausgedehnte Lärchenwälder, vor allem an den Berghängen im Norden und Osten. In höheren Lagen kommen auch Fichtenbestände vor, die als Relikte gelten.

Hat Olchon Strom und fließendes Wasser?

Strom aus dem Netz gibt es seit Juli 2005, über Unterwasserkabel vom Festland. Eine zentrale Wasserversorgung und Kanalisation fehlten nach Berichten von 2016 und 2017 weiterhin; Wasser wurde mit Tankwagen verteilt.

Ist Olchon im Winter erreichbar?

Im Hochwinter meist über eine amtlich freigegebene Eispiste, in den Wochen des Zufrierens und Auftauens nur mit Luftkissenbooten. In dieser Zeit ist die Insel für Fahrzeuge vom Festland abgeschnitten.

Quellen: Suchodolow et al. 2020: Maloje-More-Fischereirevier, Iswestija der Baikal-Universität; Aleksandrova et al. 2021: Overtourism at Baikal, Geography and Natural Resources; Sapowednoje Pribaikalje: Geschichte des Pribaikalski-Nationalparks; Große Russische Enzyklopädie: Olchon (Archivkopie); Kommersant, 30.07.2005: Elektrifizierung Olchons; Ogonjok, 17.10.2016: Inselwerte; Biber aus dem Miozän von Olchon, Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments 2022; Rosstat: Volkszählung 2021, Tabelle 5; ergänzend Wikipedia (de, ru): Olchon. Stand: Oktober 2026.

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