Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Orte & Olchon

Der Norden: Sewerobaikalsk und die BAM

BAM-Stadt, Ewenkendörfer und heiße Quellen am kalten Nordende des Sees

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Orte & Olchon
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Schneebedeckte, zackige Bergkette über dem Nordufer, auf dem Wasser treiben noch Eisschollen, im Vordergrund Kiesstrand mit Treibholz
Abb. 1Im Norden treibt noch im Juni Eis auf dem See. Symbolbild
Kurz gesagt

Der Norden ist der kälteste und am dünnsten besiedelte Teil des Baikalufers. Hier liegt Sewerobaikalsk, 1974 als Stadt der Bahnbauer an der Baikal-Amur-Magistrale gegründet und mit 24.233 Einwohnern (2021) der größte Ort am See, daneben das viel ältere Nischneangarsk an der Mündung der Oberen Angara. Ringsum folgen Gebirge, Thermalquellen und Schutzgebiete.

Was gehört zum Nordbaikal?

Als Nordbaikal gilt das Nordende des Sees mit dem Nordbecken, das nördlich einer Linie von der Nordspitze Olchons zu den Uschkani-Inseln beginnt. Das Nordbecken ist das größte, aber flachste der drei Seebecken; es reicht bis 904 Meter Tiefe. Wie es von Mittel- und Südbecken getrennt ist und wo die großen Buchten liegen, zeigt die Seite über Becken und Buchten des Baikalsees.

Im Westen steigt das Baikalgebirge steil aus dem Wasser. Die Große Sowjetische Enzyklopädie beschreibt es als rund 300 Kilometer langen Kamm mit Gipfeln von 1.700 bis 2.000 Metern, der höchste ist der Berg Tscherski mit 2.572 Metern. An den unteren Hängen wachsen Kiefernwälder, höher folgen Lärchentaiga, Zwergkiefern und Bergtundra. Im Nordosten schließt das Oberangara-Gebirge an, im Osten das Bargusin-Gebirge. Zwischen den Gebirgen münden die beiden größten Flüsse des Nordens, die Obere Angara und die Kitschera, über ein breites Delta in den Angarski Sor, eine flache, vom offenen See halb abgeschnürte Bucht. Eine schmale Sandinsel, Jarki, trennt sie vom See.

Bahnlinie auf schmalem Damm zwischen steilen Berghängen und dem Ufer, Schneeflecken auf den Gipfeln
Abb. 2Am Nordufer verläuft die BAM zwischen Bergen und See. Symbolbild

Das Klima ist kälter als im Süden. In Nischneangarsk liegt das Januarmittel bei −20,9 °C, das Julimittel bei 17,5 °C, das Jahresmittel unter null. Im Frühjahr hinkt der Norden dem Süden um Wochen hinterher: Der See friert hier zwar schon ab Ende Dezember zu, das Eis hält sich aber meist bis Anfang oder Mitte Juni, letzte Schollen treiben manchmal bis Ende Juni. Wie die Eissaison am ganzen See verläuft, beschreibt die Seite über die Eissaison am Baikalsee. Mit rund 360 Millimetern fällt in Nischneangarsk weniger Niederschlag als in Irkutsk.

Wie entstand Sewerobaikalsk?

Sewerobaikalsk entstand mit dem Bau der Baikal-Amur-Magistrale. Am 23. Juli 1974 kamen die ersten Komsomol-Bautrupps an die Mündung der Tyja und richteten ein Lager aus Zelten und Bauwagen ein, rund 20 Kilometer südwestlich des alten Ortes Nischneangarsk. Am 29. September 1975 wurde der Ort Arbeitersiedlung, am 5. November 1980 Stadt. Errichtet wurde er in einer Patenschaft der Stadt Leningrad, deren Planer auch die ersten Wohnhäuser entwarfen. Langfristig rechneten die Planer mit bis zu 140.000 Einwohnern.

Gebaut wurde für schwierige Bedingungen: Der Ort liegt in einer Zone, für die Erdbeben der Stärke 9 auf der russischen Intensitätsskala angenommen werden, und teils auf Dauerfrostboden, der unter Gebäuden auftauen kann. Das Leningrader Planungsinstitut entwickelte dafür eine eigene Serie fünfgeschossiger Wohnblöcke mit gebrochener Fassade, die als erdbebensicherer gilt; je zwei Häuser bilden einen offenen Ring um einen windgeschützten Hof. Das erste dieser Häuser wurde 1978 fertig. Den Bau der Bahn selbst, die Tunnel am Ufer und die Geschichte der Strecke beschreibt die Seite über die Baikal-Amur-Magistrale.

1989 zählte die Stadt 28.336 Einwohner, Anfang der 1990er-Jahre nach amtlichen Schätzungen gut 29.000. Nach dem Ende der Sowjetunion zogen viele Menschen fort; bei der Volkszählung 2010 waren es 24.929, 2021 noch 24.233. Damit ist Sewerobaikalsk nach Ulan-Ude die zweitgrößte Stadt Burjatiens und der größte Ort am ganzen Ufer des Baikalsees. Gut 80 Prozent der Einwohner bezeichneten sich 2010 als Russen, knapp 4 Prozent als Burjaten und gut 3,5 Prozent als Ukrainer. Wichtigster Arbeitgeber ist die Eisenbahn: In der Stadt sitzt die Verwaltung des Bezirks Sewerobaikalsk der Ostsibirischen Eisenbahn. Dazu kommen Fischverarbeitung, Holzwirtschaft, Bauwirtschaft und der Tourismus.

OrtEinwohner 1989Einwohner 2010Einwohner 2021Kurzbeschreibung
Sewerobaikalsk28.33624.92924.233BAM-Stadt an der Tyja-Mündung
Nischneangarsk6.9775.0303.891Rajonzentrum, Flughafen, Anleger
Nowy Uojan––2.908BAM-Siedlung an der Oberen Angara
Kitschera––922BAM-Siedlung im Tal der Kitschera
Baikalskoje (Gemeinde)––594ewenkische Landgemeinde am Westufer
Cholodnaja (Gemeinde)––380ewenkische Landgemeinde

Was unterscheidet Nischneangarsk von der BAM-Stadt?

Nischneangarsk ist rund drei Jahrhunderte älter. 1643 errichtete der Kosak Semjon Skorochod hier eine Winterhütte, 1646 baute Wassili Kolesnik am linken Ufer der Oberen Angara den Werchneangarski Ostrog, eine befestigte Siedlung. Der Ort lag auf dem Land der Ewenken; an der Mündung der Kitschera fanden lange Zeit Zobelmärkte statt. Heute liegt Nischneangarsk rund 23 Kilometer nordöstlich von Sewerobaikalsk am Westrand des Angarski Sor.

Im 20. Jahrhundert lebte der Ort vor allem vom Fischfang. 1930 entstand der staatliche Fischereibetrieb, aus dem die heutige Fischfabrik hervorging, 1938 wurde Nischneangarsk Arbeitersiedlung. Die Große Sowjetische Enzyklopädie nennt in den 1970er-Jahren einen Anleger, eine Fischfabrik und Holzeinschlag. Seinen größten Aufschwung erlebte der Ort mit dem Bahnbau ab 1978: Ein Flughafen, ein Bahnhof und ein kleiner Hafen entstanden, die Bausiedlung Polowinka wurde später eingemeindet. 1989 zählte Nischneangarsk knapp 7.000 Einwohner, 2021 noch 3.891.

Heute ist Nischneangarsk Verwaltungssitz des Rajons Sewerobaikalski, der mit rund 54.000 Quadratkilometern zu den größten Bezirken Burjatiens gehört. Im Ort arbeiten vier ewenkische Familien- und Sippengemeinschaften in Fischerei und Jagd. Ein Heimatmuseum zeigt die Geschichte des Nordbaikals, am Südrand des Ortes befindet sich eine mit rotem Ocker gemalte Felszeichnung, die Lyssaja-Gora-Petroglyphe. Seit 2010 markiert eine Stele am Strand den nördlichsten Punkt des Sees.

Flaches Dorf aus eingeschossigen Holzhäusern an einem langen Kiesufer mit Booten, dahinter hohe Berge
Abb. 3Ein Dorf am Kiesufer des Nordbaikals. Symbolbild

Wer lebt außer Russen am Nordbaikal?

Die ältesten Bewohner des Nordens sind die Ewenken, ein tungusischsprachiges Volk, das in der Taiga Ostsibiriens von Jagd, Fischfang und Rentierhaltung lebte. Ihre Sprache hat viele Namen im Norden geprägt: Chakusy bedeutet nach dem Ortsnamenforscher Matwei Melchejew (1969) auf Ewenkisch so viel wie „Hitze“ oder „heiß“, und der Bergsee Frolicha heißt auf Ewenkisch Dawatschan, nach dem dort lebenden Saibling.

Zwei Landgemeinden im Rajon führen den Zusatz „ewenkisch“ im Namen: Baikalskoje am Westufer, 41 Kilometer südwestlich von Sewerobaikalsk an der Mündung der Rel, und Cholodnaja. Bei der Volkszählung 2021 hatten sie 594 und 380 Einwohner. In Baikalskoje, das bis 1942 Goremyka hieß, arbeiten drei ewenkische Gemeinschaften in Jagd, Fischfang und Robbenfang. Neben Russen und Ewenken leben im Norden auch Burjaten, in Sewerobaikalsk nach der Zählung von 2010 knapp 1.000 Menschen.

Welche Thermalquellen und Schutzgebiete gibt es im Norden?

Der Norden ist reich an heißen Quellen, weil Wasser entlang der Bruchzonen des Baikalrifts aus großer Tiefe aufsteigt. Am bekanntesten ist Chakusy am Nordostufer, rund 55 Kilometer von Nischneangarsk entfernt. Zwei Quellen liefern dort im Mittel rund 50 Liter pro Sekunde Wasser von 42 bis 46 °C mit nur 0,42 Gramm gelösten Stoffen pro Liter; eine Badeanstalt besteht seit 1953. Weitere Quellen liegen im Tal der Oberen Angara bei Dselinda, wo das Wasser bis 52 °C erreicht, und am Fuß des Baikalgebirges bei Goudschekit nahe der Bahnstrecke. An diesen Orten gibt es Bäder und Unterkünfte; genaue Angaben zu Temperatur und Ergiebigkeit stammen meist aus örtlichen Beschreibungen.

Ein großer Teil der Ufer steht unter Schutz. Am nördlichen Westufer reicht das 1986 gegründete Baikal-Lena-Reservat über rund 100 Kilometer Küste; mit 659.900 Hektar ist es nach Angaben seiner Verwaltung das größte Naturreservat am See, im Baikalgebirge entspringt auf seinem Gebiet die Lena. Nach Angaben der Verwaltung leben dort Zobel, Braunbär, Fischotter, Moschustier, Rothirsch, Rentier und Elch in hoher Dichte. Am Nordostufer liegt das Schutzgebiet Frolicha mit dem gleichnamigen Gletschersee, rund 16,5 Quadratkilometer groß und bis 80 Meter tief, in dem der seltene Dawatschan-Saibling lebt. Weiter südlich folgt das Bargusin-Reservat. Warum die Bären im Frühsommer gerade an den Ufern des Nordens so häufig zu sehen sind, erklärt die Seite über die Braunbären am Baikalsee.

Wie ist der Norden erreichbar?

Auf dem Landweg vor allem mit der Baikal-Amur-Magistrale, die Sewerobaikalsk und Nischneangarsk mit Taischet im Westen und Tynda im Osten verbindet. Eine Straße am Westufer nach Süden gibt es nicht; zwischen dem Kleinen Meer und Sewerobaikalsk liegen Hunderte Kilometer unerschlossener Küste. Der Flughafen Nischneangarsk wird von Regionalflugzeugen angeflogen.

Im Sommer verkehren auf dem See Schiffe zwischen dem Norden und dem Süden, im Winter verbinden Eisstraßen die Ufer, sobald das Eis trägt. Die Verbindungen ändern sich von Jahr zu Jahr. Wegen der abgelegenen Lage, der späten Eisschmelze und der Bären verlangen Wanderungen im Bergland Erfahrung und örtliche Auskünfte; Teile der Küste sind Schutzgebiete mit Genehmigungspflicht.

Häufige Fragen zum Nordbaikal

Liegt Sewerobaikalsk direkt am Baikalsee?

Ja. Die Stadt liegt am Nordufer an der Mündung der Tyja, die Bahnstrecke führt von dort am Ufer entlang nach Nischneangarsk. Sewerobaikalsk ist mit gut 24.000 Einwohnern der größte Ort am ganzen See.

Wie kalt ist es im Norden des Baikalsees?

In Nischneangarsk liegt das Januarmittel bei rund −21 °C, das Julimittel bei 17,5 °C. Im Frühjahr ist es deutlich kühler als im Süden, weil das Eis auf dem Nordbecken bis in den Juni liegt.

Wann taut das Eis im Norden?

Meist Anfang bis Mitte Juni, rund einen Monat später als im Süden. Einzelne Schollen können bis Ende Juni treiben. Zugefroren ist der Norden dafür früher, oft schon ab Ende Dezember.

Gibt es im Norden heiße Quellen?

Ja, mehrere. Die bekannteste ist Chakusy am Nordostufer mit Wasser von 42 bis 46 °C, weitere liegen bei Dselinda im Tal der Oberen Angara und bei Goudschekit am Baikalgebirge. Sie verdanken ihre Wärme den tiefen Bruchzonen des Baikalrifts.

Wem gehört der Norden verwaltungsmäßig?

Fast das ganze Nordende gehört zur Republik Burjatien, und zwar zum Rajon Sewerobaikalski und zur eigenständigen Stadt Sewerobaikalsk. Das Baikal-Lena-Reservat am nördlichen Westufer liegt dagegen in der Oblast Irkutsk.

Quellen: Rosstat: Volkszählung 2021, Tabelle 5 (Archivkopie); Große Sowjetische Enzyklopädie: Nischneangarsk; Große Sowjetische Enzyklopädie: Baikalgebirge; Sapowednoje Pribaikalje: Baikal-Lena-Reservat; Pogoda i klimat: Klima Nischneangarsk; Wikipedia (russisch): Северобайкальск, Нижнеангарск, Северо-Байкальский район, Байкальское, Хакусы, Фролиха (озеро). Stand: Oktober 2026.

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