Bolschije Koty ist ein kleines Dorf am Westufer des südlichen Baikals, rund 16 bis 20 Kilometer nordöstlich von Listwjanka, zu dem keine Straße führt. Bekannt ist es als Forschungsort: Die Universität Irkutsk und das Limnologische Institut unterhalten hier Stationen, und vor dem Ufer läuft seit 1945 die längste Messreihe des Sees. 2010 zählte das Dorf 59 Einwohner.
Wo liegt Bolschije Koty und warum führt keine Straße dorthin?
Das Dorf liegt am Westufer des Südbeckens, in einer kleinen Bucht an der Mündung des Flüsschens Bolschije Koty, das auch Kotinka heißt. Bis Listwjanka an der Quelle der Angara sind es je nach Quelle und Messweg 16 bis 20 Kilometer, bis Irkutsk rund 100 Kilometer. Das Limnologische Institut gibt für seine Station die Koordinaten 51°53′57″ Nord und 105°03′52″ Ost an. Verwaltungstechnisch gehört der Ort zur Gemeinde Listwjanka im Rajon Irkutsk.
Eine Straße gibt es nicht, weil das Ufer zwischen Listwjanka und Bolschije Koty steil und felsig ist und bewaldete Hänge fast überall bis an das Wasser reichen. Erreichbar ist das Dorf deshalb nur auf dem Wasser, im Winter über das Eis oder zu Fuß. Im Sommer verkehren Schiffe, darunter Tragflügelboote, auf der Strecke von Irkutsk über Listwjanka; im Winter wird auf dem Eis ein provisorischer Fahrweg angelegt. Das Limnologische Institut bringt Fracht und Geräte mit Fahrzeugen bis Listwjanka und von dort mit eigenen Booten oder über das Eis weiter.
Zu Fuß verbindet ein rund 20 Kilometer langer Uferpfad die beiden Orte. Er gehört zum Netz der Wanderwege, das unter dem Namen Große Baikal-Tropa bekannt ist. Wie sich der größere Nachbarort entwickelt hat, der als Zugang zum See dient, beschreibt die Seite über Listwjanka. Das Dorf gehört zum Gebiet des Pribaikalski-Nationalparks, der große Teile des Westufers schützt.
Woher kommt der Name und wie entstand das Dorf?
Das Dorf entstand mit der Goldwäsche, die hier 1842 begann. Gefördert wurde in den Tälern der Flüsse Bolschije und Malyje Koty sowie Bolschaja und Malaja Sennaja am Westufer. Nach einer regionalkundlichen Darstellung, die sich auf das Buch „Rund um den Baikal“ von S. Wolkow stützt, gewannen die Goldwäscher in 51 Jahren mehr als 160 Kilogramm Gold. Gold fand man nicht nur in den Flusssanden, sondern auch im Kies am Grund des Sees vor den Flussmündungen. Im Sommer holten die Arbeiter ihn von Flößen aus herauf, im Winter durch Löcher im Eis.
Spuren dieser Zeit sind erhalten. Im Tal der Sennaja, wenige Kilometer vom Dorf entfernt, liegt eine aufgegebene Goldgrube, die dem Irkutsker Kaufmann Patuschinski gehörte. Senkrechte Schächte mit seitlichen Stollen, Abraumhalden und hölzerne Rinnen im Bachbett sind noch zu sehen. Als die Goldvorkommen erschöpft waren, blieben Fischerei, Holz und kleine Landwirtschaft als Erwerb.
Für den Namen gibt es zwei Erklärungen. Nach dem Wörterbuch von Wladimir Dal bezeichnet „Koty“ eine Fischfalle, die an Flussmündungen aufgestellt wurde. Nach einer anderen Deutung geht er auf „Kotki“ zurück, hölzerne Schuhe, die für Zwangsarbeiter hergestellt wurden. Welche Erklärung zutrifft, ist nicht belegt; der Zusatz „Bolschije“ bedeutet „große“ und unterscheidet den Ort vom Fluss Malyje Koty, den „kleinen“ Koty.
Heute ist das Dorf sehr klein. Bei der Volkszählung 2002 hatte es 80 Einwohner, 2010 noch 59 und Anfang 2012 nach der Statistik der Oblast 56. Eine regionalkundliche Darstellung beschrieb schon 2009, dass ältere Häuser zunehmend von Städtern als Sommerhäuser gekauft werden. Das Ortsbild prägen Holzhäuser in einer engen Bucht am Fuß der Hänge.

Welche Forschungsstationen gibt es in Bolschije Koty?
Im Dorf arbeiten zwei Stationen: die Biologische Station der Staatlichen Universität Irkutsk und eine Forschungsstation des Limnologischen Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften. Beide nutzen die Nähe zum offenen See, der schon knapp 3 Kilometer vor dem Ufer rund 800 Meter tief ist, und den Abstand zu größeren Siedlungen und Industrie.
Die Universitätsstation reicht in die Gründungsjahre der 1918 eröffneten Irkutsker Universität zurück. Den Anstoß gab der Naturforscher Witali Dorogostaiski, der den See seit 1915 mit Expeditionen erforschte. Später leitete der Zoologe Boris Swarczewski die Arbeit der Station, und sein Schüler Michail Koschow begann hier 1926, die Verteilung der Tiere im See nach Tiefe und Entfernung vom Ufer zu untersuchen. Koschow prägte die Baikalforschung an der Universität über Jahrzehnte und ist in Bolschije Koty begraben. Das Museum für Baikalkunde der Station, das seinen Namen trägt, zeigt nach einer regionalkundlichen Darstellung mehr als 400 Objekte, dazu gibt es ein Aquarium. Im Sommer absolvieren Studierende der Universität hier ihre Feldpraktika.
Die Station des Limnologischen Instituts belegt nach dessen Angaben ein Gelände von einem Hektar. Das zweistöckige Hauptgebäude wurde 1991 aus vier polnischen Fertigmodulen errichtet; im Erdgeschoss liegen drei Labore und ein Aufenthaltsraum, im Obergeschoss sechs Zimmer für 18 Personen. Auf dem Gelände betreibt das Institut zusammen mit dem Institut für Atmosphärenoptik in Tomsk ein Observatorium, das Luft und Wasser gemeinsam beobachtet. Untersucht werden hier unter anderem der Austausch zwischen Wasser und Atmosphäre, die Spritzwasserzone am Ufer, das Leben am Grund und die Eisdecke. Was die Seeforscher insgesamt untersuchen und mit welchen Methoden, zeigt die Seite zur Limnologie am Baikalsee.
Was misst die Langzeitreihe vor dem Dorf?
Vor Bolschije Koty nehmen Biologen der Universität Irkutsk seit 1945 regelmäßig Proben aus dem offenen See, mindestens einmal im Monat und meist alle sieben bis zehn Tage, im Winter durch das Eis. Die Messstelle liegt rund 2,7 Kilometer vor dem Ufer über etwa 800 Meter tiefem Wasser. Erfasst werden Temperatur, Sichttiefe und das Plankton von der Oberfläche bis in 250 Meter Tiefe. Die Reihe wurde über drei Generationen von einer Familie Irkutsker Biologen geführt, beginnend mit Michail Koschow und seiner Tochter Olga Koschowa.
Nach einer Auswertung von 2008 hat sich die obere Wasserschicht an dieser Stelle seit 1946 um 1,21 °C erwärmt, der Algenanteil hat im Sommer stark zugenommen, die Zahl der Wasserflöhe ebenfalls. Den größten Teil des tierischen Planktons stellt ein endemischer Ruderfußkrebs, über den die Seite zu Epischura baicalensis berichtet. Weil die Messstelle mehr als 80 Kilometer vom ehemaligen Zellstoffwerk in Baikalsk entfernt liegt, gilt sie als von dessen Abwässern unbeeinflusst und eignet sich als Referenz für den offenen See.
Wie sieht die Natur rund um die Bucht aus?
Rund um das Dorf reichen Taiga-Hänge bis an das Ufer, unterbrochen von kleinen Bachtälern, den sogenannten Padi, wie dem Tal der Sennaja. Etwa 4 Kilometer östlich erhebt sich der Felsen Skriper, ein freistehender Bergstock aus einem am Baikal seltenen Gestein: einem Konglomerat aus der Jurazeit, also einem Sandstein mit eingebetteten, rund geschliffenen Kieseln. Das Gestein bröckelt leicht.
Am Skriper liegt in rund 200 Metern Höhe eine Höhle mit zwei kleinen Kammern von zusammen rund 60 Quadratmetern. Archäologen fanden darin Jagdgeräte aus Stein und Eisen und Scherben verzierter Gefäße. Unter den Scherben aus der Eisenzeit war ein Gefäßboden mit Zeichen in alttürkischer Schrift, nach der regionalkundlichen Darstellung der erste solche Fund in den Höhlen des Baikalgebiets.

Im Wasser vor dem Dorf leben die typischen Gemeinschaften des steinigen Westufers. Eine genetische Untersuchung der Bucht von 2023 wies 46 Taxa wirbelloser Tiere am Grund nach, die drei Gemeinschaften bilden: eine, in der eine kleine Tellerschnecke vorherrscht, und zwei, in denen Zuckmückenlarven dominieren. An den Felsen wachsen die endemischen Baikalschwämme. Vor dem Ufer fällt der Grund rasch ab; schon wenige Kilometer hinaus ist der See um 800 Meter tief.
Wie belastet ist das Ufer bei Bolschije Koty?
Im Vergleich mit den Ufern bei Städten und viel besuchten Orten gilt das Wasser vor Bolschije Koty als vergleichsweise wenig belastet, auch wenn es zeitweise zu Überdüngung kommt. So beschreibt es eine Studie von Forschern des Limnologischen Instituts von 2026, die Messungen am Ufer vor der Station von 2003 bis 2023 auswertet. Für Phosphat und Nitrat zeigte sich nach einer dort zitierten Auswertung in diesem Zeitraum kein deutlicher Trend über die Jahre, sondern nur jahreszeitliche Schwankungen.
Verändert hat sich dagegen der Gehalt an gelöstem Silizium, das Kieselalgen und Schwämme für ihre Skelette brauchen. Von 2003 bis 2013 lag er vor der Station meist bei 20 bis 25 Mikromol pro Liter, seit 2013 nur noch bei rund 15 bis 20, in den Sommermonaten einzelner Jahre bei 10 oder darunter. Welche Folgen das für die Schwämme hat, untersuchen die Forscher in Versuchen mit Zellkulturen.
Für das gesamte Westufer, zu dem Bolschije Koty gehört, stellte der frühere Institutsdirektor Michail Gratschow 2016 fest, dass dort nicht nur Kläranlagen fehlen, sondern schon Systeme, die das Abwasser sammeln. Seit etwa 2010 wachsen in Ufernähe vieler Orte Fadenalgen der Gattung Spirogyra massenhaft, was die Forschung vor allem mit Nährstoffen aus ungeklärtem Abwasser in Verbindung bringt. Die Ursachen, die Verbreitung und den Stand der Gegenmaßnahmen beschreibt die Seite über Abwasser und Algen am Baikalsee. Für die Bucht von Bolschije Koty erschien 2024 eine eigene Untersuchung zur Wasserqualität, die den Einfluss von Niederschlägen und das Überleben von Indikatorbakterien im Uferwasser betrachtet.
Häufige Fragen zu Bolschije Koty
Wie viele Menschen leben in Bolschije Koty?
Bei der Volkszählung 2010 waren es 59 Einwohner, 2002 noch 80. Im Sommer kommen Forscher, Studierende und Besitzer von Sommerhäusern hinzu. Eine aktuelle Einzelzahl aus der Volkszählung 2021 lag in den ausgewerteten Quellen nicht vor.
Gehört Bolschije Koty zu einem Schutzgebiet?
Ja. Das Dorf liegt im Gebiet des Pribaikalski-Nationalparks, der seit 1986 einen langen Streifen des Westufers schützt. Der See selbst gehört seit 1996 zum UNESCO-Welterbe.
Was ist das Museum für Baikalkunde?
Es gehört zur Biologischen Station der Universität Irkutsk und trägt, wie ein zweites Baikalmuseum der Universität in Irkutsk, den Namen des Zoologen Michail Koschow. Nach einer regionalkundlichen Darstellung hat Koschow es selbst gegründet. Gezeigt werden Sammlungen zur Tierwelt des Sees und seiner Ufer, darunter viele Insekten.
Ist das Wasser vor Bolschije Koty sauberer als in Listwjanka?
Nach den Messungen des Limnologischen Instituts ist das Ufer vor Bolschije Koty weniger belastet als die Ufer bei Städten und stark besuchten Orten. In Listwjanka beschrieben Forscher dagegen schon 2016 eine starke Ausbreitung von Fadenalgen, die mit fehlender Abwasserentsorgung zusammenhängt.
Warum steht die längste Messreihe gerade hier?
Vor dem Dorf erreicht man in kurzer Fahrt offenes Wasser von rund 800 Metern Tiefe, und mit der Universitätsstation gab es eine feste Basis, von der aus auch im Winter über das Eis Proben genommen werden konnten. Zudem liegt die Messstelle nach Hampton und Kollegen fern vom Einfluss des früheren Zellstoffwerks in Baikalsk.
Quellen: Limnologisches Institut SB RAS: Bolshiye Koty Scientific Research Station; Hampton et al. (2008): Sixty years of environmental change in Lake Baikal, Global Change Biology 14; Annenkov et al. (2026): Silicon deficiency and the endemic sponge Lubomirskia baicalensis, Journal of Experimental Zoology A 345; Grachev (2016): Ecological crisis in Lake Baikal, Science First Hand; Staatliche Universität Irkutsk: Zur Geschichte des Lehrstuhls für Hydrobiologie und Zoologie der Wirbellosen; Baikalski krai: Bolschije Koty und die Sennaja-Pad (nach S. Wolkow, archiviert). Weitere: Kravtsova et al. 2023 (Vavilov Journal of Genetics and Breeding 27); Malnik et al. 2024 (Water Resources 51); Wikipedia (russisch, englisch): Bolschije Koty, Dorogostaiski, Koschow. Stand: Oktober 2026.
