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Forschungsblatt · Orte & Olchon

Baikalsk: Stadt nach dem Zellstoffwerk

Planstadt am Südufer zwischen Altlast, Skiberg und Neuanfang

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Orte & Olchon
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· 8 Min. Lesezeit
Kleinstadt mit fünfstöckigen Wohnblocks am Fuß verschneiter Berge an einem Winterabend mit erleuchteten Fenstern
Abb. 1Eine Kleinstadt am Fuß des Chamar-Daban. Symbolbild
Kurz gesagt

Baikalsk ist eine Kleinstadt am Südufer des Baikalsees in der Oblast Irkutsk. Sie entstand ab 1961 als Siedlung für das Zellstoffwerk und ist seit 1966 Stadt. Seit der Schließung des Werks 2013 schrumpft sie und sucht eine neue Rolle zwischen Altlastensanierung, Wintersport am Hausberg Sobolinaja und einem staatlichen Programm bis 2040.

Wo liegt Baikalsk?

Baikalsk liegt am Südufer des Baikalsees, dort, wo die Flüsse Solsan und Charlachta aus dem Gebirge Chamar-Daban in den See münden. Die Stadt erstreckt sich auf einer schmalen Uferebene am Kap Nemtschinow, hinter ihr steigen bewaldete Hänge steil an. Bis Sljudjanka, dem Verwaltungssitz des Rajons an der Südwestspitze des Sees, sind es rund 32 Kilometer Luftlinie nach Westen, bis Irkutsk gut 80 Kilometer Luftlinie und rund 140 Kilometer auf der Straße. Baikalsk ist die südlichste Stadt der Oblast Irkutsk und liegt etwa auf der geographischen Breite von London.

Ringsum ist das Ufer dünn besiedelt. Westlich folgen Dörfer wie Utulik, östlich, schon auf burjatischem Gebiet, die Siedlungen am Fuß des Chamar-Daban bis Wydrino und Tanchoi. Die Nachbarstadt mit dem Marmorbahnhof und dem Beginn der Circum-Baikal-Bahn beschreibt die Seite über Sljudjanka an der Südspitze.

Die Lage hat zwei Seiten. Baikalsk gilt als die schnee- und regenreichste Stadt am Baikalufer, weil die feuchte Luft, die von Nordwesten über den See zieht, an den Hängen des Chamar-Daban aufsteigt. Die Winter sind dadurch milder und die Sommer kühler als in Irkutsk; das Jahresmittel der Lufttemperatur liegt knapp über null Grad. Zugleich liegt die Stadt mitten in der Baikal-Riftzone. Die Bauvorschriften rechnen mit Erdbeben der Stärke 10 auf der zwölfstufigen russischen Skala, deshalb besteht der Ort fast ganz aus zwei- bis fünfgeschossigen Häusern. Stärkere Beben spürten die Einwohner zuletzt im Februar 1999 und im August 2008.

Wie entstand die Stadt?

Baikalsk ist eine Planstadt der Sowjetzeit, gebaut für ein einziges Werk. Am 17. April 1961 begann der Bau des Zellstoffwerks und zugleich der Siedlung für die Bauarbeiter; nach deutschsprachigen Angaben stand an der Stelle zuvor ein kleines Dorf, das 1959 rund 1.200 Einwohner zählte. In der Planung war zeitweise von einem großen Industriezentrum die Rede. Als das Werk 1966 die erste Produktion lieferte, erhielt Baikalsk das Stadtrecht.

Das Stadtbild prägen bis heute die Wohnviertel jener Jahre. Die Stadt gliedert sich in fünf Mikrorajone: Gagarina mit Schulen, Bibliothek, Museum und Schwimmbad, Juschny, Stroitelei, im Ort auch „Siedlung“ genannt, Krasny Kljutsch am Fuß des Hausbergs und Wostotschny. Den Hintergrund bilden die Berge. Das Zellstoffwerk lag einige Kilometer östlich der Wohngebiete am Ufer. Es war über Jahrzehnte der wichtigste Arbeitgeber, zeitweise mit rund 3.500 Beschäftigten, und brachte nach russischen Angaben rund 80 Prozent der städtischen Einnahmen. Geschichte und Folgen des Werks beschreibt die Seite über das Zellstoffwerk Baikalsk.

Mehrstöckige Wohnblocks zwischen Birken mit gelbem Laub, dahinter Berge
Abb. 2Wohnblocks aus der Zeit des Werks. Symbolbild

Eine Städtepartnerschaft verbindet Baikalsk mit South Lake Tahoe in Kalifornien, einer Stadt am Ufer eines anderen bekannten Gebirgssees.

Wie hat sich die Einwohnerzahl entwickelt?

Die Bevölkerung wuchs mit dem Werk und schrumpft seit den späten 1990er-Jahren. Den Höchststand erreichte Baikalsk nach Schätzungen Mitte der 1990er-Jahre mit gut 17.000 Einwohnern. Seither haben Krisen des Werks, die Stilllegung 2008 und die endgültige Schließung 2013 viele vor allem jüngere Menschen in größere Städte ziehen lassen.

JahrEinwohnerArt der Angabe
1959rund 1.200Volkszählung, gerundet
197013.319Volkszählung
197915.496Volkszählung
198916.406Volkszählung
1996rund 17.400Schätzung
200215.727Volkszählung
201013.583Volkszählung
202113.199Volkszählung
202512.703Schätzung zum 1. Januar

Zwischen den Zählungen von 1989 und 2021 hat die Stadt damit rund ein Fünftel ihrer Einwohner verloren. Die Fortschreibungen zwischen den Zählungen lagen um 2020 sogar bei rund 12.500; die Volkszählung von 2021 ergab einen etwas höheren Wert. Seit 2014 steht Baikalsk auf der Regierungsliste der Monostädte, also der von einem einzigen Unternehmen abhängigen Städte, und zwar in der Gruppe mit der schwierigsten wirtschaftlichen und sozialen Lage.

Wovon lebt Baikalsk nach dem Zellstoffwerk?

Von öffentlichen Diensten, kleinen Betrieben, dem Tourismus und Hoffnungen auf ein staatliches Programm. Einige Anlagen des Werks laufen weiter: Das frühere Werkskraftwerk liefert Wärme und Warmwasser für die Stadt. Das Umland ist für den Anbau von Gartenerdbeeren bekannt.

Ein früher Versuch, den Tourismus zu stärken, war die touristische Sonderwirtschaftszone „Worota Baikala“ (Tor zum Baikal), die 2007 am Südufer eingerichtet wurde und zu der seit 2010 Teile des Stadtgebiets gehören. Eine Studie der Universität Moskau von 2021 beschreibt das Projekt als nach Prüfungen des Rechnungshofs eingestellt; neue Sonderwirtschaftszonen schließt das Baikal-Gesetz seit Dezember 2025 in der zentralen ökologischen Zone aus. Erfolgreicher ist das Skigebiet am Berg Sobolinaja im Mikrorajon Krasny Kljutsch, das mit 18 Abfahrten, Sesselliften, Schleppliften und einem Snowpark von November bis in den Mai Schnee hat.

Im Januar 2023 bestätigte die Regierung ein Programm für die Entwicklung von Baikalsk bis 2040, ausgearbeitet mit der Oblast Irkutsk und einer Tochter der staatlichen Entwicklungsbank VEB.RF. Es umfasst mehr als 60 Vorhaben, darunter Tourismus und saubere Gewerbe, einen Verkehrsknoten, eine Umgehungsstraße der Fernstraße, einen Hafen, den Ersatz baufälliger Wohnhäuser und Holzhäuser in Niedrigbauweise, und nennt über 33 Milliarden Rubel aus dem Bundeshaushalt. Bis 2040 soll die Einwohnerzahl auf 20.000 steigen und 5.500 neue Arbeitsplätze entstehen; die Regierung spricht von der ersten „Ökostadt“ Russlands. Wie viel davon bis 2026 umgesetzt ist, lässt sich aus den ausgewerteten Quellen nicht verlässlich sagen.

Was bedeutet die Altlast des Werks für die Stadt?

Sie ist zugleich Gefahr und Voraussetzung für jede neue Nutzung. Auf den Deponien Solsanski und Babchinski östlich der Stadt lagern Millionen Kubikmeter Ligninschlamm, Asche und Lauge, die bei Erdbeben oder Muren in den See gelangen könnten. Seit 2021 senkt der staatliche Föderale Umweltbetreiber, ein Unternehmen von Rosatom, die Wasserstände in den Becken; Anlagen zur Reinigung der Lauge standen im September 2026 kurz vor dem Probebetrieb. Nach Angaben des Betriebs sollen nach Abschluss rund 101 Hektar wiederhergestellt sein, was den rund 13.000 Einwohnern zugutekomme.

Auch im See vor der Stadt sind Veränderungen dokumentiert. Seit Frühsommer 2016 wachsen im Flachwasser vor Baikalsk in 3 bis 7 Meter Tiefe Fadenalgen der Gattung Spirogyra, wie an vielen anderen Ufern, an denen Abwasser unzureichend gereinigt wird. Im August 2026 nahmen Forscher des Limnologischen Instituts dort und im Fluss Solsan Proben, um Keime und Blaualgen zu erfassen.

Welche Natur umgibt Baikalsk?

Hinter der Stadt beginnt der Chamar-Daban, das feuchteste Gebirge am Baikal, mit dunkler Taiga aus Sibirischer Zirbelkiefer und Tanne, darüber Zwergkiefer, Zwergbirke und Bergwiesen. Die Gipfel südlich der Stadt erreichen über 2.000 Meter. In den Bergen liegen kleine Seen wie die Sobolinyje-Seen und die Sljudjanka-Seen; Baikalsk ist einer der Ausgangspunkte für Touren in den Chamar-Daban. Wie die Wälder am Südufer aufgebaut sind und welche Pflanzen dort wachsen, beschreibt die Seite Taiga und Pflanzen am Baikalsee.

Skipiste durch dunkle Taiga an einem Berghang hoch über dem zugefrorenen See
Abb. 3Ein Skigebiet am Berghang über dem See. Symbolbild

Weiter östlich schützt das Baikal-Reservat, ein strenges Naturschutzgebiet, seit 1969 den zentralen Kamm des Chamar-Daban mit dem 2.316 Meter hohen Sochor. Es umfasst rund 165.700 Hektar, liegt bereits in Burjatien und hat seinen Sitz in Tanchoi, rund 65 Kilometer östlich von Baikalsk. Seine Gründung fiel in die Jahre der Proteste gegen das Zellstoffwerk und war Teil der Antwort darauf. Heute ist das Reservat zugleich Biosphärenreservat der UNESCO und Teil der Welterbestätte Baikalsee.

Wie ist Baikalsk an Bahn und Straße angebunden?

Über die Transsibirische Eisenbahn und die Fernstraße R258 „Baikal“, die beide am Südufer entlangführen. Im Stadtgebiet halten Vorortzüge am Haltepunkt Baikalsk-Passaschirski, bei Streckenkilometer 5.346 ab Moskau. Die Station Baikalsk, an der auch Fernzüge halten, liegt einige Kilometer östlich bei der Siedlung Solsan; sie wurde 1964 mit dem Bau der Stadt eröffnet. Ein eigenes Anschlussgleis führte zum Werk. Wie die Strecke am Südufer entstand und warum sie hier so dicht am Wasser verläuft, erklärt die Seite über die Transsib am Baikalsee.

Die Fernstraße verbindet Baikalsk mit Sljudjanka und Irkutsk im Westen und mit Ulan-Ude und Tschita im Osten. Einen Hafen sieht das Programm bis 2040 erst vor. Für Reisen nach Russland gelten die Hinweise des Auswärtigen Amts im Kasten oben auf dieser Seite.

Häufige Fragen zu Baikalsk

Wie viele Menschen leben in Baikalsk?

Bei der Volkszählung 2021 waren es 13.199, nach der amtlichen Schätzung zum 1. Januar 2025 noch 12.703. Den Höchststand erreichte die Stadt Mitte der 1990er-Jahre mit gut 17.000 Einwohnern.

Gibt es in Baikalsk noch Industrie?

Kaum. Die Zellstoffproduktion endete 2013, auf dem Werksgelände laufen Sanierung und Abriss, und ein Drittel der Anlagen war im Juli 2026 beseitigt. Das frühere Werkskraftwerk versorgt die Stadt weiter mit Wärme.

Ist Baikalsk erdbebengefährdet?

Ja, die Stadt liegt in der aktiven Baikal-Riftzone. Gebaut wird für Beben der Stärke 10 auf der zwölfstufigen russischen Skala, daher die überwiegend niedrigen Häuser. Spürbare Erschütterungen gab es zuletzt 1999 und 2008.

Woher hat der Fluss Solsan seinen Namen?

Der Name geht auf das burjatische Wort „chalsan“ zurück, das kahl bedeutet. Der Solsan ist rund 34 Kilometer lang, entspringt im Chamar-Daban nahe der Grenze zu Burjatien und mündet am östlichen Stadtrand in den See.

Was soll das Programm bis 2040 bewirken?

Es soll Baikalsk vom ehemaligen Werksstandort zu einem Zentrum für naturnahen Tourismus machen, mit neuen Wohnhäusern, besserer Infrastruktur und einem Hafen. Als Ziel nennt die Regierung 20.000 Einwohner und 5.500 neue Arbeitsplätze bis 2040. Ob das gelingt, hängt auch vom Fortgang der Sanierung ab.

Quellen: Enzyklopädie „Moi gorod“: Baikalsk (Einwohnerreihe, Lage, Entfernungen); Regierung der Russischen Föderation: Programm für Baikalsk bis 2040 (10. Januar 2023); Regierung der Russischen Föderation: Baikal-Kommission und Besuch in Baikalsk (1. Juli 2026); Föderaler Umweltbetreiber (FEO): Stand der Sanierung, August 2026; Aleksandrova et al. (2021): Overtourism at Baikal, Geography and Natural Resources 42; Limnologisches Institut: Expedition August 2026; Baikal-Biosphärenreservat (Sapowednik); Bundesgesetz Nr. 482-FZ vom 15. Dezember 2025; Timoshkin (2018), Limnology and Freshwater Biology; ergänzend Wikipedia (russisch): Байкальск, Байкальский заповедник, Солзан; Wikipedia (deutsch): Baikalsk; Wikipedia (englisch): Baykalsk. Stand: Oktober 2026.

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