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Forschungsblatt · Natur & Tiere

Selenga-Delta: Feuchtgebiet von Weltrang

Flussarme, Schilf und Lagunen vor der Mündung des größten Zuflusses

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Natur & Tiere
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Weite Schilfmarsch mit gewundenen Wasserarmen an einem goldenen Herbstabend
Abb. 1Schilf und Wasserarme bis zum Horizont: das Selenga-Delta. Symbolbild
Kurz gesagt

Das Selenga-Delta am Ostufer ist das größte Delta im Baikalbecken: ein Fächer aus Dutzenden Flussarmen, Schilfflächen und flachen Seen, je nach Abgrenzung rund 500 bis 1.100 Quadratkilometer groß. Sein mittlerer Teil ist seit 1994 Ramsar-Feuchtgebiet. Das Delta hält Schwebstoffe und Metalle aus dem Flusswasser zurück und ist der wichtigste Lebensraum für Wasservögel am See.

Was ist das Selenga-Delta?

Die Mündung des größten Zuflusses des Baikalsees, die sich als flacher Fächer aus Sand, Schlick und Pflanzen in den See vorschiebt. Die Selenga verzweigt sich unterhalb des Dorfes Maloje Kolesowo in zahlreiche Arme, zwischen denen Inseln, Schilf- und Seggenflächen, Weidengebüsch und kleine Seen liegen. Die meisten Gewässer im Delta sind nur ein bis zwei Meter tief, die tiefsten Stellen erreichen nach Angaben des Baikal-Reservats 3,5 Meter. Nach Westen begrenzt die Lagune Sor Tscherkalowo das Delta, nach Nordosten die Bucht Proval, die beim Zagan-Beben von 1862 entstand.

Wie groß das Delta ist, hängt davon ab, was man mitrechnet und wie hoch das Wasser steht. Der Umweltbericht des UNDP-GEF-Baikalprojekts nennt rund 1.120 Quadratkilometer, eine Studie der Moskauer Geografen um Sergei Tschalow von 2017 rund 600, und die Ornithologen des Baikal-Reservats beziehen ihre Zählungen auf rund 490 Quadratkilometer. Russische Angaben, wonach das Delta nach dem Aufstau der Angara in den 1950er-Jahren mehr als die Hälfte seiner trockenen Fläche verlor, sind in den ausgewerteten Quellen nicht mit Messdaten belegt; unstrittig ist, dass ein höherer Seespiegel große Teile der Niederung unter Wasser setzt.

Das Wasser verteilt sich ungleich auf drei Sektoren, den westlichen Selenginski-, den mittleren Sredneustjewski- und den östlichen Lobanowski-Sektor. Auf den Osten entfallen rund 45 bis 52 Prozent des Abflusses, deshalb wächst das Delta dort am schnellsten in den See hinaus. Die längsten Arme sind nach Angaben des Baikal-Reservats die Lobanowskaja mit 24, der Galutai mit 23 und das Sredneje Ustje mit 15 Kilometern. Zugleich wird das Delta von innen aufgefüllt: Nach den Messungen der Gruppe um Tschalow hob sich der zentrale Teil durch abgelagerte Sedimente um rund 0,75 Zentimeter pro Jahr.

Das Delta liegt in der Ust-Selenginskaja-Senke, einem Teil der Baikal-Riftzone, und markiert zusammen mit dem Gebiet um Buguldeika am Westufer die Schwelle zwischen Süd- und Mittelbecken des Sees. Wie sich der Baikal in Becken und Buchten gliedert, erklärt die Seite über Becken und Buchten des Baikalsees.

Blick von oben auf verzweigte Flussarme mit Schilfinseln und Weidengebüsch im Herbst
Abb. 2Hunderte Arme verzweigen sich im Delta. Symbolbild

Warum gilt das Delta als Filter für den Baikalsee?

Weil sich ein großer Teil dessen, was die Selenga mitführt, im Delta absetzt, bevor das Wasser den offenen See erreicht. Der Fluss bringt im Jahr rund 2,7 bis 3,6 Millionen Tonnen Schwebstoffe mit, dazu gelöste Nährstoffe und Metalle aus Bergbau, Städten und Landwirtschaft in der Mongolei und in Burjatien. Woher diese Stoffe kommen, beschreibt die Seite über die Selenga und die Zuflüsse des Baikalsees.

Eine internationale Forschergruppe um Sergei Tschalow von der Universität Moskau hat diese Filterwirkung mit Messungen im Delta untersucht und 2016 als „geochemische Barriere“ beschrieben. Danach halten die Teile des Deltas mit vielen Feuchtgebieten und kleinen Armen bei Hoch- wie bei Niedrigwasser 77 bis 99 Prozent wichtiger Metalle zurück; in den Sedimenten dort steigen deren Konzentrationen auf das Zwei- bis Dreifache. Wie gut die Barriere wirkt, hängt den Autoren zufolge davon ab, wie sich das Wasser auf die Arme verteilt. Verlagert sich der Abfluss in die großen Hauptarme, könnte mehr Fracht ungefiltert in den See gelangen.

Satellitenbilder von 1989 bis 2015 zeigen zudem einen jahreszeitlichen Wechsel. Nach einer Auswertung derselben Gruppe von 2017 speichert das Delta Schwebstoffe vor allem bei hohem Abfluss über rund 1.500 Kubikmetern pro Sekunde, wenn das Wasser die Feuchtgebiete überflutet und sich dort beruhigt. Bei niedrigem Abfluss dagegen gibt es Material ab, weil die Arme ihr Bett erodieren oder Wind aus dem See das Wasser aufstaut und Sediment aufwirbelt. Der Filter ist also kein fester Zustand, sondern ändert sich mit Wasserführung, Seespiegel und Wetter.

Wie ist das Selenga-Delta geschützt?

Durch ein Schutzgebiet im mittleren Delta, internationale Auszeichnungen und das Baikal-Gesetz. Der Kern ist der Sakasnik Kabanski, ein Schutzgebiet für Wasser- und Watvögel, Fische und ihre Lebensräume. Er entstand 1967 als örtliches Schutzgebiet, erhielt 1974 Bundesrang und umfasst nach Angaben des Baikal-Reservats, das ihn seit 1985 verwaltet, 12.255 Hektar einschließlich eines 500 Meter breiten Streifens des Sees.

StatusSeitFlächeBedeutung
Örtliches Schutzgebiet1967–Vorläufer des Sakasnik
Sakasnik Kabanski (Bund)197412.255 haJagdverbot, Schutz von Brut- und Rastplätzen
Ramsar-Gebiet „Selenga Delta“ (Nr. 682)1994rund 12.100 haFeuchtgebiet von internationaler Bedeutung, vor allem für Wasservögel
UNESCO-Welterbe „Lake Baikal“1996ganzes DeltaTeil der Welterbestätte
Zentrale ökologische Zone (Baikal-Gesetz)1999ganzes DeltaBundesgesetz Nr. 94-FZ zum Schutz des Baikalsees

Das Ramsar-Gebiet deckt sich formal mit dem Sakasnik und damit nur mit rund einem Viertel des gesamten Deltas. Die Ornithologen des Reservats betonen, dass die Vögel sich nicht an diese Grenze halten und das Delta als zusammenhängendes System betrachtet werden muss. Im Sakasnik sind Jagd, Bauen, Entwässerung und Wasserbau, Pflanzenschutzmittel und das Abbrennen von Vegetation verboten. Bis zum 15. Juli, während Brut und Aufzucht, ruhen Heumahd, Weide und Erholungsnutzung; danach erlaubt das Reservat Mahd und Weide auf zugewiesenen Flächen. Angeln und der Fang von Flohkrebsen sind mit Genehmigung möglich, der Aufenthalt nur mit Passierschein. Durch einige Grenzarme dürfen Boote ohne Halt hindurchfahren.

Welche Vögel leben im Selenga-Delta?

Im Sakasnik sind nach Angaben des Baikal-Reservats 263 Vogelarten nachgewiesen, 59 davon stehen im Roten Buch Burjatiens, 30 in dem Russlands. Während des Zuges rasten hier unter anderem Schwarzstorch, Zwergschwan, Säbelschnäbler, Stelzenläufer und Isabellbrachvogel. Zu den Brutvögeln zählen Stockente, Spießente, Löffelente, Tafelente, Seeadler und Steppenschlammläufer, in Kolonien Silber- und Lachmöwe, Raubseeschwalbe, Seeschwalben, Lappentaucher, Graureiher und Kormoran.

Wie stark sich die Bestände verschieben, zeigen die Zählungen seit 2015. Der Kormoran, der am Baikal jahrzehntelang als verschwunden galt, gründete 2013 eine kleine Kolonie im Delta; 2019 waren dort rund 5.400 Nester besetzt, und die meisten Graureiher hatten die Kolonie verlassen. Die Raubseeschwalbe, die größte Seeschwalbe der Welt und eine Art des russischen Roten Buchs, brütete 2013 bis 2019 mit 500 bis 1.000 Vögeln auf einer offenen Sandnehrung, der Karga. Seit 2020 überflutet der höhere Wasserstand diese Nehrung fast vollständig, und die Kolonie blieb nach Angaben des Reservats mindestens zwei Jahre in Folge aus. Die Entwicklung der übrigen Arten und die Rolle des Deltas im Vogelzug beschreibt die Seite über die Vögel am Baikalsee.

Welche Bedeutung hat das Delta für Fische?

Das Delta ist Durchzugsweg, Laich- und Aufwuchsgebiet zugleich. Durch seine Arme ziehen im Herbst die Omul-Schwärme flussaufwärts, denn die Selenga ist das wichtigste Laichgewässer des pelagischen Omul; die Larven treiben im Frühjahr zurück in den See. Warum der kommerzielle Fang seit 2017 verboten ist und wie es um den Bestand steht, beschreibt die Seite über den Omul und das Fangverbot.

Im Sakasnik selbst leben nach Angaben des Baikal-Reservats 28 Fischarten, vor allem Sibirische Plötze, Barsch, Hecht, Aland, Quappe, Karausche und Hasel, dazu Groppen, Omul und Renken; selten sind Baikal-Stör, Taimen und Lenok. Auf dem Flachwasser vor dem Delta laicht eine Form der Baikal-Renke im See selbst. Der Baikal-Stör, die Baikal-Form des Sibirischen Störs, steigt zum Laichen in die Selenga auf. Zu den eingeschleppten Arten gehört der Amurschläfer (Perccottus glenii), dessen Massenvermehrung in den 1980er-Jahren nach Einschätzung von Ornithologen den fischfressenden Vögeln des Deltas zugutekam.

Auch die Säugetiere sind auf das Wasser eingestellt. Im Sakasnik leben 31 Arten. Häufig sind die eingebürgerte Bisamratte, Sibirisches Reh, Fuchs und Dachs; der ebenfalls eingeschleppte Amerikanische Nerz nimmt zu. Im Seestreifen werden Baikalrobben gesehen, gelegentlich ziehen Wölfe und Braunbären durch.

Was bedroht das Selenga-Delta?

Vor allem Veränderungen im Wasserhaushalt. Wie nass das Delta ist, hängt sowohl vom Abfluss der Selenga als auch vom Pegel des Baikalsees ab, den das Wasserkraftwerk Irkutsk mitbestimmt. Nach einer rund 20 Jahre langen wasserarmen Phase im Selenga-Becken, die sich ab 2014 verschärfte, sank der Seespiegel im Frühjahr zeitweise unter die 2001 von der Regierung festgelegte Untergrenze; seit 2020 setzt höheres Wasser wieder Brutplätze unter Wasser. Die IUCN warnt in ihrem Bericht von 2025: Würde ein vorgeschlagenes Regelungsregime übernommen, das den See als Hochwasserschutz für Irkutsk und als Dürrepuffer für die Industrie nutzt, würden Uferökosysteme in nassen wie in trockenen Jahren regelmäßig geschädigt.

Hinzu kommen die mongolischen Wasserbaupläne im Selenga-Becken. Im Januar 2024 teilte die Mongolei der UNESCO mit, das Schuren-Kraftwerk an der Selenga und den Orchon-Wasserkomplex aufgegeben zu haben; geplant blieb das Kraftwerk am Egiin Gol. Nach Angaben der Umweltorganisation Rivers without Boundaries stehen Schuren und der Orchon-Komplex seit 2025 jedoch wieder in mongolischen Klima- und Entwicklungsplänen. Das Welterbekomitee vertagte im Juli 2026 seine Entscheidung zum Baikal auf 2027, nach einer Beobachtungsmission von UNESCO und IUCN, die für August 2026 angesetzt war. Ob sie stattfand und was sie ergab, lag in den ausgewerteten Quellen bis Oktober 2026 nicht vor. Kritiker und die IUCN verweisen darauf, dass Dämme den natürlichen Abfluss und damit die Überflutungen verändern würden, von denen Delta und Laichgebiete abhängen.

Schließlich trägt der Fluss Belastungen aus seinem Einzugsgebiet heran, aus den Kläranlagen von Ulan-Ude, Ulaanbaatar, Darchan und Erdenet und aus dem Bergbau. Das Delta fängt einen Teil davon ab, wird dadurch aber selbst zum Speicher. Ob diese Barriere unter veränderten Abflüssen stabil bleibt, gehört zu den offenen Fragen der Forschung.

Häufige Fragen zum Selenga-Delta

Ist das ganze Selenga-Delta ein Ramsar-Gebiet?

Nein. Formal ist nur das mittlere Delta mit den Grenzen des Sakasnik Kabanski als Feuchtgebiet internationaler Bedeutung eingetragen, rund ein Viertel der Gesamtfläche. Das ganze Delta gehört aber zur Welterbestätte und zur zentralen ökologischen Zone des Baikal-Gesetzes.

Darf man das Schutzgebiet im Delta betreten?

Nur mit einem Passierschein des Baikal-Reservats, das den Sakasnik verwaltet. Während der Brutzeit bis zum 15. Juli sind dort auch Erholungsaktivitäten untersagt. Außerhalb des Sakasnik gelten die allgemeinen Regeln des Baikal-Gesetzes.

Wie entstand die Bucht Proval am Rand des Deltas?

Durch das Zagan-Erdbeben im Januar 1862. Dabei sank nordöstlich des Deltas ein Stück Steppe von rund 200 Quadratkilometern ab und lag danach bis zu zehn Meter unter Wasser. Die flache Bucht ist heute selbst ein Rast- und Brutgebiet für Wasservögel.

Wie schnell wächst das Delta in den See?

Am schnellsten im Osten am Lobanowski-Arm, über den rund die Hälfte des Wassers abfließt, in manchen Phasen um mehrere Dutzend Meter im Jahr. Im Inneren hob sich der zentrale Teil nach Messungen um rund 0,75 Zentimeter pro Jahr.

Warum ist der Wasserstand für die Vögel so wichtig?

Viele Arten brüten auf flachen Inseln und Nehrungen nur wenige Dezimeter über dem Wasser. Steigt der Pegel, werden Gelege überflutet; sinkt er stark, fallen Brutgewässer trocken und Raubtiere erreichen die Kolonien leichter.

Quellen: Baikal-Biosphärenreservat: Sakasnik Kabanski; Tschalow, Thorslund, Kasimow u. a. (2017): The Selenga River delta: a geochemical barrier protecting Lake Baikal waters, Regional Environmental Change 17; Tschalow, Basilowa, Tarassow (2017): Modelling suspended sediment distribution in the Selenga River Delta using LandSat data, PIAHS 375; Fefelow, Anissimow, Powarinzew (2019): Wasser- und Watvögel im Selenga-Delta und Sakasnik Kabanski; IUCN World Heritage Outlook: Lake Baikal (2025); Rivers without Boundaries: 48. Sitzung des Welterbekomitees (Juli 2026); ergänzend UNDP-GEF Baikal-Umweltbericht, Kap. 2.1, und Wikipedia (russisch): Дельта Селенги. Stand: Oktober 2026.

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