Flohkrebse (Amphipoden) sind die artenreichste Tiergruppe des Baikalsees. Die Systematik zählt über 350 Arten und Unterarten, fast alle kommen nur hier vor. Sie leben vom Spülsaum bis zum tiefsten Punkt in 1.642 Metern, fressen Aas und Algen und sind Nahrung für Fische und Robben. Eine Art, Macrohectopus branickii, lebt als einzige im freien Wasser.
Wie viele Flohkrebsarten leben im Baikalsee?
Nach dem heutigen Stand der Systematik über 350 Arten und Unterarten. Die Zahl stammt aus den Bestimmungswerken der Irkutsker Zoologen Wadim Tachtejew (2000) und Ramil Kamaltynow (2001) und wird in neuen Übersichten, etwa von Polina Drosdowa und Kollegen 2024, so übernommen. Ältere oder populäre Darstellungen nennen „über 270“ oder „über 300 Arten“. Der Unterschied ergibt sich vor allem daraus, ob Unterarten mitgezählt werden. Viele Baikal-Formen wurden ursprünglich nur als Unterarten oder Spielarten beschrieben.
Die Zahl ist zudem ein Zwischenstand. Erbgutanalysen zeigen, dass sich hinter manchen äußerlich einheitlichen Arten mehrere Linien verbergen. Der häufige Uferflohkrebs Eulimnogammarus verrucosus etwa besteht aus mindestens drei Linien an West-, Süd- und Ostufer; Kreuzungsversuche bestätigten 2022, dass sie sich nicht mehr miteinander fortpflanzen. Umgekehrt dürften einige beschriebene Arten nur Varianten einer anderen sein.
Fast alle Baikal-Flohkrebse sind Endemiten. Eine Ausnahme ist der Seeflohkrebs Gammarus lacustris, der in der ganzen nördlichen Hemisphäre verbreitet ist und am Baikal vor allem in Buchten und Seen des Umlands lebt. Gemessen an allen Flohkrebsarten der Binnengewässer der Erde stellt der See nach einer Irkutsker Arbeit von 2018 mehr als 15 Prozent. Nach Erbgutdaten gehen die heutigen Arten auf mindestens zwei getrennte Einwanderungen zurück, aus denen sich im See in langer Zeit zahlreiche Linien entwickelt haben. Wie sich der Anteil endemischer Arten bei anderen Tiergruppen verhält, zeigt die Übersicht der Endemiten im Baikalsee.
Wie groß werden die Baikal-Flohkrebse, und warum sind sie so bunt?
Die Größen reichen von wenigen Millimetern bis rund 7 Zentimetern. Häufige Uferarten bleiben klein: Der Blaue Flohkrebs Eulimnogammarus cyaneus, der unter Steinen in großer Zahl vorkommt, misst nach Angaben der Universität Irkutsk 1,1 bis 1,5 Zentimeter, der gebänderte E. verrucosus 2 bis 3 Zentimeter. Zu den größten Arten zählen Bewohner tieferer Zonen aus den Gattungen Acanthogammarus und Brachyuropus, oft mit Dornen und Kämmen auf dem Rücken. Heimische Bachflohkrebse in Mitteleuropa werden dagegen kaum länger als 2 Zentimeter.
Viele Arten sind auffällig gefärbt: blau, türkis, orange, rot, grün oder gebändert, manche durchscheinend. Einige Arten kommen sogar in verschiedenen Farbformen vor. Eine Studie von 2020 an E. cyaneus und E. vittatus zeigte, dass der Farbton nicht von der Menge der Carotinoide abhängt, die die Tiere mit der Nahrung aufnehmen, sondern davon, wie viel eines bestimmten Eiweißes sie bilden, das diese Farbstoffe bindet. Blaue und türkisfarbene Tiere enthielten mehr davon als orange oder gelbe. Ähnliche Farbeiweiße kennt man vom Hummer, dessen Panzer erst beim Kochen rot wird, weil sich der Farbstoff dann vom Eiweiß löst.
Einige Arten leben auf den endemischen Baikalschwämmen. Die Universität Irkutsk beschreibt die dunkelgrüne, goldgefleckte Brandtia parasitica, die sich mit den Beinen am Schwamm festhält, und den tiefroten Eulimnogammarus cruentus. Beide fressen kleine Tiere, die auf und in den Schwämmen leben.

Was ist das Besondere an Macrohectopus branickii?
Er ist der einzige Flohkrebs der Welt, der sein ganzes Leben im freien Wasser eines Süßwassersees verbringt. Alle anderen Baikal-Arten leben am oder nahe dem Grund. Am See heißt er Jur. Die Weibchen werden 14 bis 40 Millimeter lang, die Männchen nur 3 bis 6. Tagsüber halten sich die Tiere in der Tiefe auf, in der Nacht steigen sie zur Jagd an die Oberfläche. Echolotmessungen vom Forschungsschiff Wereschtschagin ergaben dabei Steiggeschwindigkeiten der Schwärme von bis zu 4 Metern pro Minute.
Der Krebs ist äußerst lichtempfindlich. Wenn nachts ein Schiffsscheinwerfer brennt, bleiben die Schwärme in mehr als 40 Metern Tiefe, wo dann nur noch rund ein Zehntausendstel Lux ankommt. Über Flachwasser mit Algenbewuchs geht er kaum; dichte Ansammlungen enden nach Echolotdaten aus der Bucht von Bargusin und dem Kleinen Meer an der 100-Meter-Linie. Auch im Erbgut fällt er auf: Sein Mitochondriengenom ist mit über 42.000 Basenpaaren eines der längsten, die im Tierreich bekannt sind.
Im Nahrungsnetz des offenen Sees ist Macrohectopus ein Bindeglied. Er frisst Algen, kleinere Krebse wie den Ruderfußkrebs, der auf der Seite über Epischura beschrieben ist, und gelegentlich junge Fische. Seinerseits ist er Hauptnahrung der erwachsenen Golomjanka, ein wichtiges Futter für Omul und Groppen und eine Beute der Baikalrobbe, die ihn nachts in großer Zahl jagt.
Welche Rolle spielen Flohkrebse am Grund und in der Tiefe?
Sie räumen auf. Die meisten Baikal-Flohkrebse sind Allesfresser und verwerten Algen, Pflanzenreste, kleine Tiere und Aas. Die Universität Irkutsk nennt sie die wichtigsten Saubermacher des Sees und verweist auf eine Erfahrung der Zoologen: Wer ein sauberes Skelett eines kleinen Tieres braucht, muss den Kadaver nur im Baikal versenken. Fischer kennen die Kehrseite. Flohkrebse beschädigen Netze und fressen gefangene Fische an. Umgekehrt werfen Eisangler Flohkrebse in die Eislöcher, um Omule anzulocken.
Flohkrebse besiedeln alle Tiefen bis zum Grund in 1.642 Metern. Möglich ist das, weil das Wasser des Baikal bis in die größte Tiefe Sauerstoff enthält. Typische Aasfresser der Tiefe sind die Arten der Gattung Ommatogammarus. Nach einer Arbeit von 2022 decken O. flavus und O. albinus jeweils einen Tiefenbereich von über 1.300 Metern ab; O. flavus wurde auch nahe der Oberfläche gefangen, O. albinus nie oberhalb von 47 Metern. Zu den größten Tiefenbewohnern gehört Brachyuropus grewingkii.
Für die Fische sind Flohkrebse ein Grundnahrungsmittel. Groppen, Äschen und junge Omule fressen sie ebenso wie der Baikalstör: Bei Stören aus dem Mündungsgebiet der Selenga stellten sandbewohnende Flohkrebse der Gattungen Crypturopus und Micruropus fast neun Zehntel der Nahrung.
Wer hat die Flohkrebse des Baikals erforscht?
Der erste große Bearbeiter war der polnische Arzt und Zoologe Benedykt Dybowski. Nach dem Januaraufstand 1863/64 wurde er nach Sibirien verbannt und erforschte vom Dorf Kultuk aus den Süden des Sees. 1874 veröffentlichte er eine Monografie über die Flohkrebse des Baikals. Viele Arten tragen bis heute den Autornamen „Dybowsky, 1874“, darunter Macrohectopus branickii, Brachyuropus grewingkii und Eulimnogammarus cyaneus. Sein Leben und die Arbeit der anderen verbannten Forscher beschreibt die Seite über Benedykt Dybowski.
Dybowskis Namen sind teils legendär lang. Eine von ihm benannte Art, Gammaracanthuskytodermogammarus loricatobaicalensis, galt lange als längster wissenschaftlicher Name überhaupt; gültig ist er heute nicht mehr. Im 20. Jahrhundert setzten Irkutsker Forscher die Arbeit fort. Der Zoologe W. Tsch. Dorogostaiski hinterließ zahlreiche Aquarelle von Flohkrebsen, um 2000 legten Tachtejew und Kamaltynow die heute gängigen Artenlisten vor. Seit den 2000er-Jahren steht die Genetik im Vordergrund: Für über 60 Arten liegen inzwischen Transkriptomdaten vor, für rund ein Zehntel der Arten sind Genomgröße und Chromosomenzahl bekannt.
Haben sich Baikal-Flohkrebse in andere Gewässer ausgebreitet?
Ja, vor allem Gmelinoides fasciatus, eine kleine, häufige Art des Baikal-Flachwassers. Mitte der 1970er-Jahre wurde sie gezielt in Seen Kareliens im Nordwesten Russlands ausgesetzt, um dort das Futter für Fische zu verbessern. Seitdem hat sie sich in zahlreichen großen Seen Eurasiens etabliert, darunter Ladoga- und Onegasee, und kommt inzwischen auch im Finnischen Meerbusen der Ostsee vor. Untersuchungen im Hafen Ust-Luga zählen sie zu den gefährlichsten eingeschleppten Arten des Gebiets.
Wo Gmelinoides auftaucht, verdrängt sie häufig den heimischen Seeflohkrebs Gammarus lacustris. Laborversuche deuten darauf hin, dass sie sich bei Gefahr schneller in Kies und Sand eingräbt und so Raubfischen besser entgeht. In Laborversuchen mit Tieren aus dem Onegasee nahm sie zudem bereitwillig Mikroplastik auf, ein möglicher Weg, auf dem solche Partikel in Nahrungsnetze gelangen. Die Ausbreitung zeigt, dass Baikal-Arten außerhalb ihres Sees durchaus konkurrenzstark sein können.
Sind die Flohkrebse der Uferzone gefährdet?
Die Uferzone ist der Teil des Sees, der sich am stärksten verändert. Seit etwa 2010 wuchern an vielen Ufern Fadenalgen, und Schwämme erkranken; als Hauptursache gelten Nährstoffe aus Abwässern. Für Flohkrebse, die zwischen Steinen und Schwämmen leben, dürfte das Lebensraum und Nahrung verändern. Wie stark einzelne Arten zurückgehen, ist aber kaum untersucht.
Neuere Studien zeigen Belastungen, die man bisher nicht gemessen hatte. Irkutsker Forscher fanden 2024 in Uferflohkrebsen Rückstände von Arzneimitteln, darunter Ibuprofen, Paracetamol, Acetylsalicylsäure und mehrere Antibiotika. Eine Folgestudie von 2026 maß Ibuprofen in Ufer- und Tiefenarten in Konzentrationen von 4 bis rund 1.150 Nanogramm pro Gramm Frischgewicht, im Frühjahr mehr als im Herbst. Hinzu kommt die Erwärmung. Viele Baikal-Arten sind an kaltes Wasser angepasst; eine Studie von 2016 an Ufer- und Tiefenarten zeigte, dass ihre Zellen messbare Stressreaktionen zeigen, sobald die Temperatur über den Bereich steigt, den die Tiere im Versuch bevorzugen.
Häufige Fragen zu den Flohkrebsen im Baikalsee
Sind Flohkrebse Krebse oder Insekten?
Krebse. Flohkrebse gehören zu den Höheren Krebsen und sind mit Asseln verwandt. Mit Flöhen haben sie nur die Sprungbewegung gemeinsam. Ihr seitlich abgeflachter Körper trägt nach Angaben der Universität Irkutsk dreizehn Beinpaare mit unterschiedlichen Aufgaben.
Warum ist die Zahl der Arten so ungenau?
Weil Artgrenzen bei Flohkrebsen schwer zu ziehen sind. Viele Formen wurden als Unterarten beschrieben, und Erbgutstudien entdecken immer wieder Linien, die äußerlich gleich aussehen, aber getrennte Arten sind. Deshalb nennen Fachleute „über 350 Arten und Unterarten“ statt einer festen Artenzahl.
Wovon leben Flohkrebse in der Tiefe, wo es kein Licht gibt?
Von dem, was von oben absinkt oder am Grund stirbt: abgestorbene Algen, tote Fische und andere Tiere. Viele Tiefenarten sind Aasfresser, manche jagen auch kleinere Tiere. Der hohe Sauerstoffgehalt des Tiefenwassers erlaubt ihnen ein Leben bis zum tiefsten Punkt.
Gibt es Baikal-Flohkrebse auch in Europa?
Ja. Gmelinoides fasciatus wurde in den 1970er-Jahren in Karelien ausgesetzt und lebt heute unter anderem im Ladoga- und Onegasee und im Finnischen Meerbusen der Ostsee. Dort gilt sie als eingeschleppte Art.
Wofür nutzen Menschen die Flohkrebse am Baikal?
Vor allem als Köder und Lockfutter beim Fischen, besonders beim Eisangeln auf Omul. Zoologen lassen von ihnen Skelette säubern. In Schutzgebieten wie dem Selenga-Delta ist das Sammeln von Flohkrebsen nur mit Genehmigung erlaubt.
Quellen: Drosdowa et al. (2024): Lake Baikal amphipods and their genomes, great and small, Vavilov Journal of Genetics and Breeding; Melnik et al.: The Diversity of Crustacea in Baikal, Science First Hand; Universität Irkutsk: Höhere Krebse (Zoologische Exkursionen am Baikal); Drosdowa et al. (2020): Carotinoid-bindende Proteine und Körperfarbe, PeerJ; Madjarowa et al. (2022): Ommatogammarus, Insects; Alexejew und Suchich (2023): Invasionen im Hafen Ust-Luga, Life; Telnowa et al. (2024): Arzneimittel in Baikal-Flohkrebsen, Antibiotics; Telnowa et al. (2026): Ibuprofen in endemischen Flohkrebsen, PeerJ. Weitere: Dimowa et al. (2018), PeerJ; Axenow-Gribanow et al. (2016), PLoS One; Afanassjew (2025), Nature of Inner Asia; Wikipedia (englisch): Benedykt Dybowski. Stand: Oktober 2026.
