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Forschungsblatt · Natur & Tiere

Der Baikalstör: Bedrohter Riese der Zuflüsse

Die Seeform des Sibirischen Störs zwischen Fangverbot und Fischzucht

Bereich
Natur & Tiere
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Unterwasseraufnahme eines großen Störs mit Knochenschilden und langer Schnauze über Kiesgrund
Abb. 1Störe tragen Reihen von Knochenschilden statt Schuppen. Symbolbild
Kurz gesagt

Der Baikalstör ist die Seeform des Sibirischen Störs und der größte Fisch des Baikalsees. Er lebt vor allem vor dem Selenga-Delta und laicht in der Selenga. Überfischung und Wilderei haben den Bestand so stark dezimiert, dass sein Fang seit 1945 verboten ist. Trotz Fischzucht erholt er sich kaum, die Weltnaturschutzunion führt die Art als vom Aussterben bedroht.

Was ist der Baikalstör, und wie wird er benannt?

Der Baikalstör ist keine eigene Art, sondern eine Population des Sibirischen Störs (Acipenser baerii), der in den großen Flüssen Sibiriens von Ob bis Kolyma vorkommt. Im Baikal bildet er eine Form, die dauerhaft im See lebt und zum Laichen in die Zuflüsse zieht. Der russische Ichthyologe Alexander Nikolski beschrieb sie 1896 als Unterart Acipenser baerii baicalensis. Unter diesem Namen steht sie bis heute in vielen russischen Quellen, auch auf der Seite über die Fische im Baikalsee.

Die Unterarten gelten inzwischen als fraglich. Der Moskauer Störforscher Georgi Ruban zeigte Ende der 1990er-Jahre, dass sich die Populationen des Sibirischen Störs nicht so deutlich unterscheiden, dass man sie als Unterarten trennen könnte. Fachartikel sprechen deshalb heute meist vom „Sibirischen Stör der Baikal-Population“ oder kurz vom Baikalstör. Hinzu kommt eine neue Gattungsfrage: Der internationale Fischkatalog Catalog of Fishes führt die Art seit einer Revision als Huso baerii. Beide Gattungsnamen sind in der Literatur zu finden, ebenso die Schreibweisen baerii und baeri.

Wie alle Störe gehört der Baikalstör zu einer stammesgeschichtlich alten Gruppe von Strahlenflossern mit weitgehend knorpeligem Skelett. Statt Schuppen tragen Störe Knochenplatten, die sogenannten Schilde, in fünf Längsreihen. Vor dem unterständigen Maul hängen vier Barteln, mit denen der Fisch den Grund abtastet. Unter den Fischen des Sees wird keiner größer.

Wie groß und wie alt wird der Baikalstör?

Sehr groß und sehr alt, wenn man ihn lässt. Aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind Fänge von Tieren mit 150 bis 200 Kilogramm überliefert. Für den Sibirischen Stör insgesamt gelten rund 2 Meter und 210 Kilogramm als Höchstwerte, das übliche Gewicht liegt bei etwa 65 Kilogramm. Heute sind solche Riesen am Baikal selten.

Das Wachstum ist langsam. Nach Messungen des Baikal-Zweigs des Fischereiforschungsinstituts VNIRO, die der Fischkundler Sergei Afanassjew 2025 veröffentlichte, wachsen die Fische bis etwa zum 17. Lebensjahr kräftig in die Länge, danach nur noch wenig. Das Gewicht nimmt dagegen weiter zu: Ein 40 Jahre alter Stör kann rund 60 Kilogramm wiegen, geschlechtsreife Tiere messen im Mittel 1,5 bis 1,8 Meter. Männchen und Weibchen gleichen Alters unterscheiden sich in Länge und Gewicht kaum.

Geschlechtsreif werden Baikalstöre spät. Afanassjew nennt nach Daten von 1972 bis 2011 für Männchen 13 bis 15 Jahre und für Weibchen 16 bis 18 Jahre, ältere Angaben liegen etwas höher, bei 15 bis 16 und 18 bis 20 Jahren. Ein Weibchen trägt je nach Größe 180.000 bis 740.000 Eier, frühere Untersuchungen kamen auf bis zu 830.000. Störe können 50 bis 60 Jahre alt werden. Weil jeder Fisch so lange braucht, bis er zum ersten Mal laicht, erholt sich ein einmal überfischter Bestand nur über Jahrzehnte.

Wo lebt der Baikalstör, und wie verläuft seine Laichwanderung?

Der Baikalstör lebt fast nur im Südosten des Sees, wo die Selenga mündet. Markierungsversuche des VNIRO zeigen, dass sich die Fische im Sommer im Fluss, im weit verzweigten Delta, auf dem vorgelagerten Selenga-Flachwasser und in der Bucht Proval aufhalten. Sie sammeln sich auf sandig-schlammigem Grund, wo es die meisten Bodentiere gibt, und meiden dichte Wasserpflanzen. Manche Tiere sind standorttreu und wurden ein Jahr nach dem Markieren nur 1 bis 30 Kilometer vom Aussetzort entfernt wieder gefangen.

Wenn das Wasser im Herbst auf 8 bis 10 °C abkühlt, ziehen die Störe in den offenen See und überwintern dort in 20 bis 40 Metern Tiefe. Im Frühjahr beginnt die Laichwanderung, die bis in den Frühsommer dauert. In der Selenga laichen die Fische auf weiten Strecken: Laichreife Tiere wurden im Unterlauf 30 bis 40 Kilometer oberhalb der Mündung gefangen, ebenso im Mittel- und Oberlauf zwischen 180 und 400 Kilometern. Die Eier haften auf Kies und Geröll und entwickeln sich in ein bis zwei Wochen. Wie die Selenga den See speist, beschreibt die Seite über die Selenga und die Zuflüsse.

Breiter Arm eines großen Flusses im Frühsommer mit Kiesbänken und Weidengebüsch
Abb. 2Zum Laichen zieht der Stör die großen Zuflüsse hinauf. Symbolbild

Kleinere Bestände nutzen den Bargusin und die Obere Angara im Norden. Für das Bargusin-Gebiet schätzte Afanassjew in den 1990er-Jahren rund 4.000 Tiere, für das Selenga-Flachwasser rund 18.000. Das Delta selbst ist als Sakasnik geschützt und Teil eines Ramsar-Gebiets; seine Bedeutung als Aufwuchsgebiet für Fische erklärt die Seite über das Selenga-Delta.

Wovon ernährt sich der Stör?

Der Baikalstör ist ein Bodenfresser, der seine Beute mit den Barteln aufspürt und mit dem vorstülpbaren Maul einsaugt. Was er frisst, hängt vom Ort und von seinem Alter ab. Bei Stören aus dem Mündungsgebiet der Selenga machten sandbewohnende Flohkrebse der Gattungen Crypturopus und Micruropus fast neun Zehntel der Nahrung aus. In der Bucht Proval überwogen Flohkrebse und Zuckmückenlarven, an der Hauptmündung Larven von Eintagsfliegen, Libellen und Zuckmücken.

Junge Störe bis etwa vier Jahre fressen im Fluss vor allem Insektenlarven, im Sommer bevorzugt eine Eintagsfliege des Selenga-Schlamms, im Herbst andere Eintagsfliegen und Köcherfliegen. Je größer die Fische werden, desto mehr Fisch steht auf dem Speiseplan. Ab etwa 80 Zentimetern Länge wird er zur Hauptnahrung, vor allem junge Groppen. Afanassjew schließt aus vollen Mägen junger Tiere, dass das Flachwasser vor dem Delta genug Nahrung bietet. Am Futter liegt es also nicht, dass der Bestand klein bleibt.

Wie wurde der Stör gefangen, und warum ging er zurück?

Über Jahrhunderte gehörte der Stör zu den begehrtesten Fischen am See. Der verbannte Erzpriester Awwakum schwärmte 1656 von Gewässern, in denen es Störe, Taimen, Sterlets, Omule und Renken in großer Zahl gebe. Mitte des 19. Jahrhunderts war das Dorf Tschertowkino im Selenga-Delta Mittelpunkt des Fischhandels. Nach einer Übersicht im VNIRO-Fachjournal von 2026 durfte unterhalb des Dorfes während des Laichzugs kein Omul und kein Stör gefangen werden, und auf dem Markt wurde neben Salzomul auch Störleim gehandelt, der aus der Schwimmblase gewonnen wurde.

Diese Regeln reichten nicht. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts landeten am Baikal jährlich 250 bis 300 Tonnen Stör, darunter viele Laichfische und Jungtiere. Um 1900 brach der Bestand ein: 1924 kam der Fang in den Bezirken Bargusin und Werchneudinsk nur noch auf knapp vier Tonnen. Ein erstes Fangverbot von 1930 bis 1935 brachte keine Erholung. Im Zweiten Weltkrieg wurde für Front und Hinterland alles gefischt, auch der Stör. 1945 wurde das Verbot erneuert, und es gilt bis heute.

ZeitEreignis
1656Awwakum beschreibt den Fischreichtum mit Stören an der Selenga
2. Hälfte 19. Jh.rund 250–300 t Stör im Jahr, Tiere bis 200 kg
1924Fang in den Bezirken Bargusin und Werchneudinsk knapp 4 t
1930–1935erstes Fangverbot im Baikal
1941–1945uneingeschränkter Fang für die Kriegsversorgung
1945erneutes Fangverbot, bis heute in Kraft
Anfang 1980erBeschluss zur künstlichen Vermehrung
1986Selenga-Fischzuchtbetrieb beginnt mit der Störzucht
1987 / 1988Aufnahme in die Roten Bücher Russlands und Burjatiens
2022IUCN: Sibirischer Stör vom Aussterben bedroht

Zum Fang kamen Eingriffe in die Flüsse. Afanassjew nennt den Bau des Irkutsker Wasserkraftwerks, das den Seespiegel anhob, das Kartonwerk an der Selenga, verlegte Flussläufe und den Abbau von Kies und Sand. Sie veränderten Wanderwege und zerstörten Laichplätze. Für die Zukunft befürchten Fachleute weitere Belastungen: Ein Gutachten des Irkutsker Wissenschaftszentrums kam 2017 zu dem Schluss, dass geplante Wasserkraftwerke auf der Selenga und ihren Nebenflüssen in der Mongolei die Reifung des Störs und die Vermehrung von Omul und Renken beeinträchtigen könnten. Das Vorhaben war damals eingefroren.

Wie steht es heute um den Bestand, und was bringt die Fischzucht?

Nicht gut, und genaue Zahlen fehlen. Die letzten veröffentlichten Schätzungen stammen aus den 1990er-Jahren: rund 18.000 Störe auf dem Selenga-Flachwasser, rund 4.000 in der Bucht von Bargusin und nur rund 140 in der Selenga selbst. Afanassjew betont 2025, dass es keine aktuellen Daten über den Zustand der Population gibt, auch weil der Schutzstatus Fänge zu Forschungszwecken erschwert.

Die Weltnaturschutzunion IUCN führt den Sibirischen Stör insgesamt seit ihrer Bewertung von 2022 als vom Aussterben bedroht. In Russland steht die Baikal-Population seit 1987 im Roten Buch, in Burjatien seit 1988. Als Hauptursache dafür, dass sich der Bestand trotz des Verbots nicht erholt, nennt der staatliche Baikal-Bericht von 2007 die Wilderei auf Laichfische und Jungtiere: Viele ausgesetzte Jungstöre verfangen sich schon im Alter von ein bis drei Jahren in Stellnetzen.

Künstlich vermehrt wird der Stör seit den 1980er-Jahren. Der Selenga-Fischzuchtbetrieb am Fluss Itanza in Burjatien, eine Einrichtung der staatlichen Fischereibehörde Glawrybwod, züchtet seit 1986 neben dem Omul auch Störe. Seine Anlage ist nach Angaben von Glawrybwod für zwei Millionen Jungstöre von je 0,5 Gramm im Jahr ausgelegt. Die Laichfische der Zucht stehen in Netzgehegen im warmen Kühlwasser des Kraftwerks von Gussinoosjorsk. 2007 wurden 2,7 Millionen Eier eingelegt, daraus gingen 1,6 Millionen Larven hervor, und gut eine Million Jungfische kam in die Selenga. Der Betrieb wird im Bundesprogramm zum Schutz des Baikalsees umgebaut; erst danach soll die volle Leistung erreicht werden. Wie sich der Besatz und die Lage der Fischerei insgesamt entwickeln, behandelt die Seite über die Fischerei am Baikalsee.

Häufige Fragen zum Baikalstör

Darf man am Baikal Störe angeln?

Nein. Der Fang des Baikalstörs ist seit 1945 verboten, und die Population steht im Roten Buch Russlands. Jeder Störfang am See ist damit illegal, auch als Beifang beim Angeln auf andere Fische.

Ist der Baikalstör ein Endemit?

Nicht im strengen Sinn. Die Art lebt in vielen sibirischen Flüssen, nur die Baikal-Population ist auf den See und seine Zuflüsse beschränkt. Russische Quellen nennen sie dennoch oft einen endemischen Vertreter der Baikal-Fischwelt.

Wie lange lebt ein Baikalstör?

Sibirische Störe können 50 bis 60 Jahre alt werden. Am Baikal wurden bei Untersuchungen Tiere von über 40 Jahren gefunden. Geschlechtsreif werden sie erst mit 13 bis 20 Jahren.

Woher kommen die Jungstöre der Fischzucht?

Aus Eiern von Laichfischen, die in Netzgehegen am Kraftwerk von Gussinoosjorsk gehalten oder in der Selenga gefangen werden. Die Larven wachsen im Selenga-Fischzuchtbetrieb heran und werden dann in den Fluss gesetzt.

Gibt es noch große Störe im Baikal?

Vereinzelt. Regionalmedien berichteten über ein Weibchen von 40 Kilogramm, das Mitarbeiter von Glawrybwod in der Selenga fingen und dessen Eier für die Zucht verwendet wurden; Fachleute nannten es außergewöhnlich groß. Tiere von 150 bis 200 Kilogramm wie im 19. Jahrhundert sind aus jüngerer Zeit nicht bekannt.

Quellen: Afanassjew, S. G. (2025): Ökologisch-biologische Charakteristik des Sibirischen Störs im Baikalsee, Priroda Wnutrennei Asii 1(30); Staatlicher Bericht über den Baikalsee 2007: Fischfauna; Suchodolow et al. (2026): Der Fischereibezirk Selenga, Rybnoje chosjaistwo 3; Glawrybwod: Erhalt des Baikalsees, Selenga-Fischzuchtbetrieb; IUCN Red List: Acipenser baerii (Ruban und Mugue 2022); EastRussia, 31. Oktober 2017: Gutachten zu mongolischen Wasserkraftwerken; EastRussia: Weibchen von 40 kg in der Selenga gefangen. Weitere: Wikipedia (russisch, englisch): Sibirischer Stör. Stand: Oktober 2026.

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