Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Kultur & Geschichte

Das Zarengold im Baikalsee: Mythos und Suche

Was über die Goldreserve von 1918 bis 1920 belegt ist und was nicht

Bereich
Kultur & Geschichte
Stand
· 10 Min. Lesezeit
Eingleisige Bahnstrecke auf einer Stützmauer aus Naturstein am zugefrorenen Ufer in der Winterdämmerung
Abb. 1Die Uferbahn im Winter: Hier verortet die Legende das versunkene Gold. Symbolbild
Kurz gesagt

Als Zarengold oder Koltschak-Gold gilt der Teil der russischen Staatsgoldreserve, den weiße Truppen im August 1918 in Kasan erbeuteten, nach einer Zählung von 1919 rund 505 Tonnen. Belegt ist, dass im März 1920 in Irkutsk Gold im Wert von rund 409 Millionen Rubel an die Sowjetmacht ging. Dass der Rest im Baikalsee liegt, ist eine Legende ohne Beleg.

Was war das Zarengold?

Das „Zarengold“ war kein Privatschatz des Zaren, sondern ein großer Teil der staatlichen Goldreserve des Russischen Reiches, gelagert als Münzen und Barren. Vor dem Ersten Weltkrieg besaß Russland eine der größten Goldreserven der Welt; die Angaben liegen je nach Quelle bei rund 1.230 bis 1.400 Tonnen. Ein Rubel entsprach damals 0,774 Gramm Gold, eine Million Rubel also 774 Kilogramm. Während des Krieges ging ein Teil als Sicherheit für Kredite ins Ausland. Weil die deutsche Front näher rückte, ließ die Regierung ab 1915 große Teile der Reserve aus Petrograd nach Kasan und Nischni Nowgorod bringen. In Kasan lagerten danach Gold im Wert von rund 600 Millionen Rubel und Silber für fast 200 Millionen Rubel, mehr als die Hälfte der Goldreserve.

Im Sommer 1918, im Russischen Bürgerkrieg, wollte die Sowjetregierung das Gold aus Kasan wegschaffen. Bis zum Fall der Stadt gelang es ihr nur, rund 4,6 Tonnen abzutransportieren. In der Nacht vom 6. auf den 7. August 1918 nahmen weiße Freiwillige unter Wladimir Kappel und Einheiten der Tschechoslowakischen Legion Kasan ein. Kappel meldete den Fang der „Goldreserve Russlands über 650 Millionen“; andere Angaben sprechen von 657 Millionen Rubel. Das Gold kam per Schiff nach Samara, dann nach Ufa und Ende November 1918 nach Omsk, wo Admiral Alexander Koltschak als „Oberster Regent“ an der Spitze der weißen Regierung stand.

Im Mai 1919 zählten Bankbeamte in Omsk den Bestand. Laut Protokoll vom 10. Mai lag dort Gold im Wert von 651.532.117 Rubel, nach der Umrechnung rund 505 Tonnen. Der Historiker Alexander Schalak von der Baikal-Universität in Irkutsk weist darauf hin, dass andere Autoren auf 496,9 Tonnen kommen und dass in Omsk auch Gold lagerte, das nicht zur Staatsreserve gehörte, etwa aus der Kammer für Maße und Gewichte. Schon diese Unschärfe der Ausgangszahl bietet Raum für Spekulationen.

Wie gelangte das Gold nach Irkutsk, und wer bekam es?

Mit der Eisenbahn nach Osten, und am Ende ging es an die Sowjetmacht. Ende Oktober 1919 wurde das Gold in Omsk verladen, nach russischen Darstellungen in rund 40 Waggons, dazu kamen Wagen für Begleitpersonal und Wachen. Am 14. November fiel Omsk an die Rote Armee. Die Transsibirische Eisenbahn war in der Hand der Tschechoslowakischen Legion, die vor allem ihre eigene Heimkehr über Wladiwostok im Blick hatte. Der Zug kam nur langsam voran und erreichte am 27. Dezember Nischneudinsk.

Dort zwangen die alliierten Vertreter Koltschak zum Verzicht. Seit dem 3. Januar 1920 stand das Gold unter tschechoslowakischer Bewachung. Am 15. Januar übergaben die Tschechoslowaken Koltschak in Irkutsk dem sozialrevolutionären Politzentrum, das die Stadt nach einem Aufstand kontrollierte; am 21. Januar ging die Macht an ein bolschewistisches Revolutionskomitee über. In der Nacht zum 7. Februar 1920 wurde Koltschak auf Anordnung dieses Komitees erschossen und sein Leichnam in ein Eisloch der Angara geworfen. Wie die Stadt diese Monate erlebte, beschreibt die Seite über Irkutsk an der Angara.

Am selben 7. Februar unterzeichneten Rote Armee und Legion in Kuitun, rund 310 Kilometer nordwestlich von Irkutsk, ein Abkommen: Die Legion durfte nach Osten abziehen und sollte das Gold übergeben, sobald ihr letzter Zug Irkutsk verlassen hatte. Die Übergabe fand am 1. März 1920 statt; in der Nacht darauf zogen die letzten tschechoslowakischen Züge ab. Im Mai 1920 kam das Gold mit einem bewachten Zug zurück nach Kasan. Gezählt wurden 409.625.870 Rubel, nach Berechnungen des Historikers Alexander Mossjakin rund 317,5 Tonnen; eine andere Rechnung kommt auf 6.815 Kisten mit 346 Tonnen.

DatumEreignis
6./7. August 1918Weiße und Legion nehmen Kasan und die Goldreserve ein
November 1918Gold in Omsk, Koltschak an der Spitze der weißen Regierung
10. Mai 1919Zählung in Omsk: 651,5 Mio. Rubel
November 1919Abfahrt des Goldzugs nach Osten, Fall von Omsk
3. Januar 1920Gold unter Bewachung der Legion
7. Februar 1920Erschießung Koltschaks in Irkutsk, Abkommen von Kuitun
1. März 1920Übergabe des Goldzugs in Irkutsk
Mai 1920Gold zurück in Kasan: 409,6 Mio. Rubel

Was fehlte, und wohin ist es gegangen?

Es fehlten rund 180 bis 200 Tonnen, und der größte Teil davon ist in den Akten nachweisbar ausgegeben worden. Eine Aufstellung des sowjetischen Finanzkommissariats vom Juni 1921 beziffert den Rückgang während der Herrschaft Koltschaks auf 235,6 Millionen Rubel, rund 182 Tonnen. Danach gab die weiße Regierung rund 68 Millionen Rubel für Waffen und Uniformen aus und brachte rund 128 Millionen Rubel bei ausländischen Banken unter, deren weiteres Schicksal unklar blieb. Eine von Lenin eingesetzte Kommission kam nach dem Wirtschaftshistoriker Wladimir Kusnezow auf mehr als 200 Tonnen, die Koltschaks Regierung verbraucht habe.

Weitere Teile liefen in andere Hände. Im September 1919 brachte der Kosakenataman Grigori Semjonow in Tschita einen Zug mit Gold im Wert von rund 42 Millionen Rubel an sich. Einen großen Teil gab er für seine Truppen aus, einen anderen übergab er 1920 japanischen Stellen, um den noch bis 1940 vor japanischen Gerichten gestritten wurde. Nachgewiesen sind auch Diebstähle: Bei der Station Tyret verschwanden im Januar 1920 13 Kisten mit Barren im Wert von 780.000 Rubel, in Omsk zwei weitere Kisten. Wer sie nahm, ist nicht geklärt.

Andere Zahlen sind umstritten. Ein früherer Vizefinanzminister Koltschaks warf der Legion 1921 vor, 63 Millionen Rubel unterschlagen zu haben; seriöse Historiker halten das nach russischen Darstellungen für nicht belegt, und nach neueren Angaben entspricht die Summe etwa Geldern, die das weiße Finanzministerium heimlich auf Konten von Vertrauensleuten im Ausland überwies. Die Behauptung, auf dem Weg von Irkutsk nach Kasan seien noch einmal 35 Millionen Rubel verschwunden, konnte das Russische Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte 2018 auf Anfrage Mossjakins nicht bestätigen. Für einen Schatz von hunderten Tonnen auf dem Seegrund bleibt in dieser Bilanz kein Platz.

Wie entstand die Legende vom versunkenen Gold?

Aus zwei Erzählungen, die beide an wirkliche Ereignisse anknüpfen. In der ersten stürzt ein Zug mit Gold von der Uferbahn am Südwestende des Sees in die Tiefe; als Ort werden Kaps an der Circum-Baikal-Bahn zwischen Port Baikal und Kultuk genannt. In der zweiten brechen Schlitten mit Goldkisten beim Marsch der Weißen über das Eis im Februar 1920 ein.

Die belegten Fakten passen zu keiner Fassung gut. Der Goldzug kam von Westen nach Irkutsk und wurde dort übergeben; die Uferbahn liegt östlich der Stadt, und der Goldzug fuhr nach den Quellen nicht dorthin. Die Bahn spielte allerdings eine Rolle: Die Irkutsker Bolschewiki drohten, ihre Tunnel zu sprengen, falls die Legion Koltschak und das Gold nicht herausgebe. Und die Strecke war tatsächlich gefährlich. Allein von 1932 bis 1947 wurden dort 721 Felsstürze gezählt, 18 davon führten zu Zugunglücken. Waggonreste im See sind deshalb kein Beweis für einen Goldzug.

Weite, verschneite Eisfläche in der Dämmerung mit Schneefahnen und einem dunklen Ufer am Horizont
Abb. 2Über das Eis zogen im Februar 1920 Truppen nach Osten. Symbolbild

Der Marsch über das Eis fand statt, aber ohne das Gold. Nach Koltschaks Tod umgingen die Reste seiner Armee unter General Sergei Woizechowski Irkutsk und zogen nach Bolschoje Goloustnoje am Westufer. Ab dem 11. Februar 1920 überquerten sie in mehreren Tagen rund 45 Werst Eis bis zur Bahnstation Mysowaja am Ostufer, nach russischen Darstellungen 30.000 bis 35.000 Menschen, Soldaten wie Angehörige. Kappel selbst, nach dem die Truppen „Kappelewzy“ hießen, war schon am 26. Januar an einer Lungenentzündung gestorben. Wie viele Menschen auf dem Eis umkamen, ist nicht belegt; Berichte von Erfrorenen und verendeten Pferden gibt es, Zahlen nicht. Das Gold stand zu dieser Zeit unter Bewachung der Legion in Irkutsk. Wie das Eis solche Überquerungen trägt und warum es trotzdem gefährlich bleibt, beschreibt die Seite über die Eisstraßen über den Baikal.

Was fanden die Mir-Tauchboote 2008 bis 2010?

Reste von Eisenbahnwagen und Munitionskisten, dazu glänzende Gegenstände, deren Natur nie geklärt wurde. Von 2008 bis 2010 tauchten die bemannten Tiefsee-Tauchboote Mir-1 und Mir-2 in rund 160 Einsätzen im Baikal; finanziert wurde die Expedition über einen Fonds zum Schutz des Baikalsees. Zu ihren Aufgaben gehörte neben Geologie und Biologie die Suche nach archäologischen Funden. 2009 fand die Besatzung im Süden des Sees Bruchstücke eines Eisenbahnwagens und Munitionskisten aus der Zeit des Bürgerkriegs.

Ende August 2010 meldete der Forscher Bair Zyrenow vom Fonds, die Mir sei in rund 400 Metern Tiefe auf Stahlträger gestoßen, die einer Eisenbahnbrücke ähnelten, und auf „Barren mit dem charakteristischen goldenen Glanz“. Der Spiegel zitierte ihn am 1. September 2010 mit dem Satz, derzeit sei schwer zu sagen, ob es wirklich das Gold Koltschaks sei; sein Kollege Roman Afonin berichtete, die Barren hätten nicht geborgen werden können, weil sie zu tief im Geröll steckten. Eine englischsprachige Meldung nannte als Fundort das Kap Tolsty an der Uferbahn. Eine Bergung oder eine Bestätigung, dass es sich um Gold handelte, ist nicht bekannt geworden.

Blick durch das Bullauge eines Tauchboots auf einen beleuchteten Fleck grauen Seegrunds
Abb. 3Tauchboote suchten 2008 bis 2010 den Seegrund ab. Symbolbild

Wie beurteilen Historiker die Geschichte vom Gold im See?

Überwiegend skeptisch. Historiker, die mit den Akten arbeiten, verfolgen den Weg des Goldes heute über Banküberweisungen, Waffenkäufe, Beschlagnahmen und Übergabeprotokolle. Schalak betont, dass Widersprüche in Literatur und Dokumenten Raum für „parawissenschaftliche Versionen“ geben, und Kusnezow hält fest, dass für den Weg von Omsk nach Irkutsk nur zwei Diebstähle dokumentiert sind. Schon 2010 äußerten Historiker im Spiegel Zweifel: Wahrscheinlicher sei, dass fehlendes Gold ins Ausland geschafft oder ausgegeben wurde.

BehauptungBefund
Koltschak hatte 1.600 Tonnen GoldDie Zählung von 1919 ergab rund 505 Tonnen.
Ein Goldzug stürzte von der Uferbahn in den SeeKein Beleg; der Goldzug wurde in Irkutsk übergeben.
Goldschlitten brachen beim Eismarsch einKein Beleg; das Gold war zu dieser Zeit in Irkutsk.
Die Mir fand 2010 GoldbarrenGemeldet wurden glänzende Objekte; geborgen oder bestätigt wurde nichts.
Rund 180–200 Tonnen fehlenGroßteils als Ausgaben, Auslandsguthaben und Beschlagnahmen nachweisbar.

Dass die Legende trotzdem lebt, hat mit dem Ort zu tun. Die Uferbahn mit ihren Tunneln, der tiefe See und die Geschichte des Bürgerkriegs bieten ein starkes Bild, und Menschen am See erzählen die Geschichte in eigenen Familienfassungen weiter. Wie sich das Zarengold in die übrigen Überlieferungen des Sees einreiht, zeigt die Seite über die Legenden und Mythen des Baikalsees.

Häufige Fragen zum Zarengold

Liegt Zarengold im Baikalsee?

Dafür gibt es keinen Beleg. Der Goldzug wurde im März 1920 in Irkutsk übergeben, und der größte Teil des fehlenden Goldes lässt sich in den Akten als ausgegeben, ins Ausland überwiesen oder beschlagnahmt nachweisen. Die Funde der Mir-Tauchboote von 2010 wurden nie geborgen oder bestätigt.

Wie viel Gold hatte Koltschak?

Nach der Zählung in Omsk im Mai 1919 Gold im Wert von 651,5 Millionen Rubel, rund 505 Tonnen; eine andere Berechnung kommt auf 497 Tonnen. In populären Texten kursiert die Zahl von 1.600 Tonnen, die keine Grundlage in den Akten hat.

Warum heißt es Zarengold, wenn es Staatsgold war?

Weil das Gold aus der Zeit des Zarenreichs stammte und zu einem großen Teil aus russischen Goldmünzen bestand. Rechtlich gehörte es der Staatsbank, nicht der Zarenfamilie. In Russland ist eher die Bezeichnung „Koltschak-Gold“ üblich, nach dem Admiral, dessen Regierung es verwaltete.

Was geschah mit Admiral Koltschak?

Er wurde im Januar 1920 von der Tschechoslowakischen Legion in Irkutsk an das Politzentrum übergeben, das die Macht wenig später an die Bolschewiki abgab. In der Nacht zum 7. Februar 1920 wurde er ohne Gerichtsverfahren erschossen und sein Leichnam in die Angara geworfen.

Wurde im Baikal jemals Gold geborgen?

Nach allen geprüften Quellen nicht. Die Mir-Expedition meldete 2010 glänzende Objekte in rund 400 Metern Tiefe, konnte sie aber nicht greifen. Geborgen wurden bei früheren Tauchgängen lediglich Teile von Eisenbahnwagen und Munitionskisten.

Quellen: Schalak (2019): Die Irkutsker Geschichte des Goldes des Russischen Reiches, Baikal-Universität; Kusnezow (2018): Auf den Spuren des Zarengoldes, Gornaja Promyschlennost; Der Spiegel, 1. September 2010: Russen suchen Zarengold im Baikalsee; Commodity Online über Nasdaq, 31. August 2010 (archiviert); Wikipedia (russisch): Goldreserve des Russischen Reiches. Weitere: Wikipedia (russisch): Großer Sibirischer Eismarsch, Aufstand des Tschechoslowakischen Korps, Circum-Baikal-Bahn, Expedition „Mir am Baikal“. Stand: Oktober 2026.

Baikalsee.info

Sieben Stationen

  1. Der SeeTiefe · Wasser
  2. EisKlareis · Eishügel
  3. Natur & TiereNerpa · Omul
  4. Orte & OlchonOlchon · Irkutsk
  5. Kultur & GeschichteBurjaten · Transsib
  6. Wissenschaft & UmweltForschung · Umwelt
  7. ReiseReisezeit · Lage

Reiselage Das Auswärtige Amt warnt derzeit vor Reisen nach Russland. Aktueller Stand: auswaertiges-amt.de