Menschen leben seit mindestens 24.000 Jahren am Baikalsee. Auf steinzeitliche Jäger und Fischer folgten turk- und mongolischsprachige Völker, aus denen die Burjaten hervorgingen. Ab 1643 kam die Region unter russische Herrschaft. Verbannung, Eisenbahnbau und sowjetische Industrialisierung prägten die folgenden Jahrhunderte, seit 1996 ist der See UNESCO-Welterbe.
Seit wann leben Menschen am Baikalsee?
Seit der Altsteinzeit. Die bekannteste Fundstelle ist Malta an der Belaja, einem Nebenfluss der Angara rund 160 Kilometer nordwestlich des Sees. Dort grub der Archäologe Michail Gerassimow ab 1928 eine Siedlung mit Behausungen aus Mammutknochen und Rentiergeweih aus, dazu kleine Frauenfiguren aus Mammutelfenbein. Das Erbgut eines dort bestatteten Kindes wurde 2013 entschlüsselt; die Knochen sind rund 24.000 Jahre alt. Die Analyse zeigte, dass diese Menschen sowohl mit heutigen Westeurasiern als auch mit den Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner verwandt waren. Eine verwandte Fundstelle ist Buret, rund 20 Kilometer entfernt.
Nach dem Ende der letzten Kaltzeit lebten am See Gruppen von Jägern, Fischern und Sammlern, die Archäologen nach Gräberfeldern benennen. Die Kitoi-Kultur, benannt nach der Mündung des Kitoi in die Angara, wird ins 6. und 5. Jahrtausend vor Christus datiert; ihre Toten wurden mit Ocker bestattet, die Beigaben zeigen Harpunen und Angelhaken. In der Bronzezeit folgte die Glaskowo-Kultur, benannt nach einem Vorort von Irkutsk, mit Gräberfeldern bis ins Selenga-Delta; die Datierungen reichen je nach Quelle von der Mitte des 2. Jahrtausends bis ins 13. Jahrhundert vor Christus. Östlich des Sees verbreiteten sich im 2. und 1. Jahrtausend vor Christus die Plattengräber-Kultur und später die Reiternomaden der Steppe.
| Zeit | Ereignis |
|---|---|
| rund 24.000 Jahre vor heute | Siedlung Malta an der Belaja, Mammutknochen-Behausungen |
| 6.–5. Jahrtausend v. Chr. | Kitoi-Kultur, Gräberfelder an der Angara |
| 2. Jahrtausend v. Chr. | Glaskowo-Kultur, Jäger und Fischer der Bronzezeit |
| 2.–1. Jahrtausend v. Chr. | Plattengräber-Kultur in Transbaikalien |
| 6.–10. Jahrhundert | Kurumtschi-Kultur am Westufer, gleichgesetzt mit den Kurykanen |
Welche Völker lebten am See, bevor die Russen kamen?
Im 1. Jahrtausend nach Christus siedelten am Westufer und auf Olchon die Träger der Kurumtschi-Kultur, die Forscher mit den Kurykanen gleichsetzen. Dieses Volk erscheint in alttürkischen Inschriften des 7. und 8. Jahrhunderts als Verband der „drei Kurykanen“; ob es turk- oder mongolischsprachig war oder Gruppen beider Herkunft vereinte, ist umstritten. Chinesische Chroniken des 7. bis 9. Jahrhunderts nennen ein Volk namens Guligan an einem „Nördlichen Meer“, das meist als Baikal gedeutet wird. Im 8. Jahrhundert gerieten sie unter die Herrschaft der Jenissei-Kirgisen.
Ab dem 10. Jahrhundert wanderten mongolischsprachige Gruppen aus dem Süden ein, und ein Teil der älteren Bevölkerung zog die Lena hinab nach Norden, wo nach verbreiteter Ansicht die Jakuten aus ihr hervorgingen. Im Nordosten lebten die Barguten, nach denen das Bargusin-Tal benannt sein soll. Im 13. Jahrhundert gehörte die Region zum Machtbereich des Mongolenreichs. Aus Stämmen wie den Bulagaten, Echiriten, Chori und Chongodoren formte sich im 17. und 18. Jahrhundert das Volk der Burjaten. Im Norden und in den Bergen lebten Ewenken als Jäger und Rentierhalter. Wer die Burjaten sind und wie sie heute leben, beschreibt die Seite über die Burjaten am Baikalsee.

Wie kam der Baikal unter russische Herrschaft?
Durch Kosakenzüge auf der Suche nach Pelzen und Tributpflichtigen. 1640/41 erfuhren russische Dienstleute an der Lena erstmals vom See, 1643 erreichte ihn eine Gruppe unter Kurbat Iwanow. In den folgenden Jahrzehnten entstanden Ostrogs, hölzerne Forts, von denen aus der Jassak, ein Tribut in Fellen, eingezogen wurde. Die burjatischen Fürsten leisteten teils Widerstand, teils unterwarfen sie sich oder zogen in die Mongolei. Mit China, das die Mongolei beanspruchte, regelten zwei Verträge die Grenze: 1689 in Nertschinsk und 1727 in Kjachta. Kjachta südlich des Sees wurde danach zum wichtigsten Ort des Landhandels zwischen beiden Reichen, über den Pelze nach Süden und vor allem Tee nach Norden gingen. Der Weg der Karawanen führte über Selenga und Baikal nach Irkutsk.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1643 | Kosaken unter Kurbat Iwanow erreichen den See am Kleinen Meer |
| 1646 | Werchneangarski-Ostrog nahe dem heutigen Nischneangarsk |
| 1648 | Bargusin-Ostrog am Eingang des Bargusin-Tals |
| 1661 | Ostrog Irkutsk an der Angara |
| 1665 | Selenginski-Ostrog an der Selenga |
| 1666 | Udinskoje, das spätere Ulan-Ude |
| 1676 | Tunkinski-Ostrog im Tal des Irkut |
| 1689 | Vertrag von Nertschinsk mit China |
| 1727 | Vertrag von Kjachta, Beginn des Teehandels über Kjachta |
Irkutsk wuchs aus diesem Handel zur wichtigsten Stadt Ostsibiriens; ihre Geschichte vom Fort bis zur Hauptstadt der Oblast erzählt die Seite über Irkutsk an der Angara. Im 18. Jahrhundert siedelte die Krone zudem Bauern und unter Katharina II. Altgläubige in Transbaikalien an, deren Nachfahren als Semejskije bekannt sind.
Welche Rolle spielten Verbannung und Forschung im 18. und 19. Jahrhundert?
Sibirien war für den Staat Strafraum und Forschungsraum zugleich. 1772 beschrieb Johann Gottlieb Georgi im Auftrag der Akademie den See; ab 1826 trafen die verurteilten Offiziere des Dezemberaufstands in Sibirien ein, und einige von ihnen lebten später in Irkutsk, wie die Seite zu den Dekabristen in Irkutsk beschreibt. Nach dem polnischen Aufstand von 1863 folgten Tausende polnische Verbannte. Zwischen 1866 und 1875 hielten die Behörden im Dorf Tunka zeitweise über 140 katholische Geistliche fest. Unter den Verbannten waren Naturforscher wie Benedykt Dybowski und Iwan Tscherski, die den See wissenschaftlich erschlossen; ihre Arbeit und die der Expeditionen schildert die Seite Erforschung des Baikalsees.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1772 | Georgi beschreibt den See im Auftrag der Akademie |
| 1826 | erste verbannte Dekabristen in Irkutsk |
| 1851 | Sibirische Abteilung der Geographischen Gesellschaft in Irkutsk |
| 1862 | Zagan-Beben, die Bucht Proval entsteht |
| 1863/64 | nach dem polnischen Aufstand Verbannung Tausender Polen |
| 1868–1876 | Dybowski und Godlewski messen vom Eis aus |
| 1879 | Stadtbrand in Irkutsk |
Auch die Natur schrieb Geschichte. Im Januar 1862 sank beim Zagan-Beben nördlich des Selenga-Deltas eine Uferebene von rund 200 Quadratkilometern ab und lief voll Wasser; nach den gängigen Angaben verloren rund 1.300 Bewohner burjatischer Siedlungen ihr Land. So entstand die Bucht Proval.
Wie veränderten die Eisenbahnen die Region?
Sie banden den See an das europäische Russland an. 1891 begann der Bau der Transsibirischen Eisenbahn, im August 1898 erreichte sie Irkutsk. Weil die Strecke um das felsige Südufer noch fehlte, setzte ab 1900 der in England bestellte Eisbrecher „Baikal“ Züge über den See. Im Winter 1904, während des Kriegs mit Japan, wurden sogar Gleise auf das Eis gelegt. Am 13. Oktober 1905 ging die Circum-Baikal-Bahn offiziell in Betrieb; mit ihren Tunneln und Galerien ist sie das bekannteste Bauwerk am See, wie die Seite über die Circum-Baikal-Bahn zeigt. Die Bedeutung der Hauptstrecke für die Orte am Südufer beschreibt die Seite Transsib am Baikalsee.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1891 | Baubeginn der Transsibirischen Eisenbahn |
| 1896–1902 | Hydrografische Expedition unter Fjodor Drischenko |
| 1898 | erster Zug in Irkutsk |
| 1900 | Eisbrecherfähre „Baikal“ setzt Züge über den See |
| 1904 | Gleise über das Eis zwischen Port Baikal und Tanchoi |
| 1905 | Circum-Baikal-Bahn offiziell in Betrieb |
| 1956 | Strecke Irkutsk–Port Baikal stillgelegt, später im Stausee versunken |
Was geschah im Bürgerkrieg und in der Sowjetzeit?
Der Bürgerkrieg endete am See mit dem Rückzug der Weißen. In der Nacht zum 7. Februar 1920 wurde Admiral Alexander Koltschak in Irkutsk erschossen, im selben Monat zogen Reste seiner Truppen über das Eis des Baikals nach Transbaikalien. 1923 entstand die Burjat-Mongolische Autonome Sowjetrepublik mit der Hauptstadt Werchneudinsk, ab 1934 Ulan-Ude. Die 1930er-Jahre brachten Kollektivierung und Massenrepression. Burjatische Klöster wurden geschlossen und zerstört, Lamas, Schamanen und Teile der burjatischen Intelligenz verhaftet, viele erschossen. 1937 wurde die Republik verkleinert; aus abgetrennten Bezirken entstanden die burjatischen Nationalkreise Ust-Orda im Gebiet Irkutsk und Aga im Gebiet Tschita.
Zugleich nutzte der Staat Zwangsarbeit für den Ausbau des Verkehrs. Ab 1932 baute das Häftlingslager BAMlag des Gulag an der Baikal-Amur-Magistrale und an zweiten Gleisen der Transsib; nach den von der Gesellschaft Memorial ausgewerteten Lagerstatistiken zählte es Anfang 1938 rund 200.000 Gefangene. Nach dem Krieg folgte die Industrialisierung: Das Irkutsker Wasserkraftwerk hob den Seespiegel ab 1958 an, im langjährigen Mittel um rund 0,7 bis 1 Meter, in den 1960er-Jahren zeitweise um 1,2 bis 1,3 Meter (Wasserstand und Staudamm); 1966 nahm das Zellstoffwerk in Baikalsk den Betrieb auf. Gegen das Werk protestierten schon Mitte der 1960er-Jahre Wissenschaftler, der Beginn der Umweltbewegung am See. Von 1974 bis 1984 entstand im Norden die Baikal-Amur-Magistrale als Großprojekt des Jugendverbands; die Seite zur Baikal-Amur-Magistrale erzählt ihre Geschichte.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1920 | Erschießung Koltschaks, Rückzug der Weißen über das Eis |
| 1923 | Burjat-Mongolische ASSR gegründet |
| 1928 | Baikal-Limnologische Station der Akademie |
| 1932–1938 | Häftlingslager BAMlag baut Bahnstrecken |
| 1937 | Aufteilung der Republik, Höhepunkt der Repression |
| 1950–1959 | Bau des Irkutsker Wasserkraftwerks, Seespiegel steigt |
| 1958 | Umbenennung in Burjatische ASSR |
| 1961 | Baubeginn des Zellstoffwerks, Limnologisches Institut |
| 1966 | Zellstoffwerk Baikalsk nimmt den Betrieb auf |
| 1974–1984 | Bau der Baikal-Amur-Magistrale, Dauerbetrieb ab 1989 |
| 1986 | Nationalparks Pribaikalski und Sabaikalski, Baikal-Lena-Reservat |
Was hat sich seit 1991 verändert?
Der Schutz des Sees wurde zu einer politischen Frage, an der sich Staat, Wissenschaft und Umweltgruppen bis heute reiben. 1996 nahm die UNESCO den See in die Welterbeliste auf, die Seite zum UNESCO-Welterbe Baikalsee erklärt die Gründe. 1999 folgte das föderale Baikal-Gesetz. 2006 wurde die geplante Ölpipeline nach Ostasien nach Protesten auf eine Trasse mindestens 40 Kilometer nördlich des Sees verlegt, 2013 stellte das Zellstoffwerk Baikalsk den Betrieb ein. Seit 2017 ist der kommerzielle Fang des Omuls verboten, wie die Seite zum Omul und dem Fangverbot darlegt. Wie die Zuständigkeiten zwischen Moskau, der Oblast Irkutsk und Burjatien verteilt sind, beschreibt die Seite Baikalsee und Russland.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1992 | Burjatien wird Republik in der Russischen Föderation |
| 1993 | Beginn der internationalen Tiefbohrungen vom Eis |
| 1996 | Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO |
| 1999 | Föderales Gesetz Nr. 94-FZ über den Schutz des Baikalsees (1. Mai) |
| 2006 | Pipeline-Trasse auf mindestens 40 km Abstand verlegt |
| 2013 | Zellstoffwerk Baikalsk stillgelegt |
| 2015 | erster Cluster des Neutrinoteleskops Baikal-GVD |
| 2017 | Verbot des kommerziellen Omul-Fangs ab 1. Oktober |
| 2018 | Burjatien wechselt in den Föderationskreis Ferner Osten |
| 2026 | Welterbekomitee vertagt Entscheidung über die Rote Liste auf 2027 |
Im Juli 2026 vertagte das Welterbekomitee auf seiner 48. Sitzung die Entscheidung, ob der Baikal auf die Liste des gefährdeten Welterbes kommt, auf 2027 und kündigte eine Beobachtungsmission an. Hintergrund sind unter anderem Änderungen des Baikal-Gesetzes vom Dezember 2025, die nach Berichten von Umweltorganisationen und Medien Kahlschläge zur Waldsanierung und neue Infrastruktur am Ufer erleichtern.
Häufige Fragen zur Geschichte des Baikalsees
Wie alt sind die ältesten Spuren von Menschen am Baikal?
Die Siedlung Malta nordwestlich des Sees ist rund 24.000 Jahre alt und genetisch untersucht. Im Tunka-Tal südwestlich des Sees werden Funde an der Fundstelle Tujana auf über 30.000 Jahre datiert; ob dort gefundene Knochen von Menschen stammen, ist umstritten.
Seit wann gehört der Baikal zu Russland?
Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts. Nach dem ersten Kosakenzug von 1643 entstanden innerhalb von gut zwei Jahrzehnten Forts rund um den See. Die Grenze zum chinesischen Kaiserreich wurde 1689 in Nertschinsk für den Osten und 1727 in Kjachta für den Abschnitt südlich des Baikals festgelegt; dieser entspricht weitgehend der heutigen Grenze Burjatiens zur Mongolei.
Was ist das „Zarengold“?
So wird der Goldschatz des russischen Staates genannt, den die Weißen im Bürgerkrieg nach Osten brachten. Ein Teil davon gilt bis heute als verschollen; die Vermutung, er liege im Baikal, ist nicht belegt.
Warum wurde gegen das Zellstoffwerk protestiert?
Weil Fachleute befürchteten, dass Abwässer und Abgase den See und die Wälder am Südufer schädigen. Die Kritik begann schon während des Baus in den 1960er-Jahren und hielt an, bis das Werk 2013 stillgelegt wurde. Die Altlasten am Standort beschäftigen die Behörden bis heute.
Seit wann gibt es Schutzgebiete am See?
Seit 1916, als am Nordostufer das Bargusin-Reservat gegründet wurde, das älteste Naturschutzgebiet Russlands. 1969 kam das Baikal-Reservat am Südufer hinzu, 1986 folgten zwei Nationalparks und das Baikal-Lena-Reservat, 1991 der Tunkinski-Nationalpark.
Quellen: Raghavan et al. (2014): Upper Palaeolithic Siberian genome reveals dual ancestry of Native Americans, Nature 505; Memorial: Das System der Arbeitslager in der UdSSR, Eintrag Bamlag (archiviert); Limnologisches Institut SB RAS: About the Institute; ECOLEX: Föderales Gesetz Nr. 94-FZ über den Schutz des Baikalsees; Rivers without Boundaries: Bericht von der 48. Sitzung des Welterbekomitees; Wikipedia (russisch): Хронология озера Байкал, Мальта (стоянка), Курыканы, Китойская культура, Глазковская культура, Нижнеангарск, Баргузин, Улан-Удэ, Тунка, Кругобайкальская железная дорога, Байкальский ЦБК, Байкало-Амурская магистраль, Восточная Сибирь — Тихий океан. Stand: Oktober 2026.
