Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Kultur & Geschichte

Die Erforschung des Baikalsees: von Georgi bis heute

Von den Akademie-Expeditionen bis zum Limnologischen Institut in Irkutsk

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Kultur & Geschichte
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Messinglot an einer Hanfleine mit Tiefenmarken auf dem Dollbord eines alten Holzboots, dahinter der klare See
Abb. 1Mit Lot und Leine wurde der See im 19. Jahrhundert vermessen. Symbolbild
Kurz gesagt

Die wissenschaftliche Erforschung des Baikalsees begann im 18. Jahrhundert mit den Expeditionen der Petersburger Akademie; Johann Gottlieb Georgi beschrieb den See 1772 erstmals ausführlich. Im 19. Jahrhundert legten verbannte polnische Naturforscher die Grundlagen der Baikalbiologie. Seit 1928 forscht die Akademie dauerhaft am See, seit 1961 das Limnologische Institut in Irkutsk.

Wer hat den Baikalsee zuerst beschrieben?

Die ersten schriftlichen Nachrichten in russischer Sprache stammen von Kosaken, nicht von Gelehrten. Eine Aufstellung der Nebenflüsse der Lena aus den Jahren 1640 und 1641 vermerkt, die Burjaten nannten das große Gewässer im Süden „Baikal“. 1643 erreichte eine Gruppe um den Kosaken Kurbat Iwanow als erste Europäer den See, am Kleinen Meer gegenüber der Insel Olchon. Ihre Berichte an die Behörden handelten von Pelztieren, Fischen und den Menschen am Ufer, also von dem, was für den Tribut der Krone zählte.

Literarische Beschreibungen folgten bald. Der Erzpriester Awwakum, eine Leitfigur der späteren Altgläubigen, überquerte den See auf seinem Weg in die Verbannung nach Daurien und auf der Rückkehr Anfang der 1660er-Jahre; in seiner Lebensbeschreibung schildert er die hohen Berge am Ufer und den Reichtum an Fischen und Vögeln. 1675 reiste der Gesandte Nikolai Spafari auf dem Weg nach China über den See und beschrieb in seinem Reisebericht den See und seine Ufer. Auf Karten erscheint der Baikal zuerst in schematischen Zeichnungen Sibiriens, etwa in der Kartenzeichnung des Tobolsker Wojewoden Pjotr Godunow von 1667 und im Sibirien-Atlas von Semjon Remesow um 1701.

Was leisteten die Akademie-Expeditionen des 18. Jahrhunderts?

Sie machten aus dem Baikal einen Gegenstand der Naturforschung. Als Erster mit wissenschaftlichem Auftrag kam der Danziger Arzt Daniel Gottlieb Messerschmidt, den Peter der Große 1719 nach Sibirien geschickt hatte; er überquerte den See 1724 auf dem Weg nach Transbaikalien und Daurien. Seine Aufzeichnungen über Pflanzen, Tiere und Sprachen musste er nach der Rückkehr abliefern, sie blieben lange unveröffentlicht.

Den Durchbruch brachten die großen Akademie-Expeditionen unter Katharina II. Im Rahmen der Expedition von Peter Simon Pallas bereiste der Naturforscher Johann Gottlieb Georgi 1772 die Ufer des Sees. Er zeichnete eine Karte im Maßstab von 10 Werst auf einen Zoll, beschrieb Pflanzen, Fische und den Robbenfang und äußerte als Erster die Vermutung, die Senke des Sees sei durch Bewegungen der Erdkruste entstanden. Sein Reisewerk „Bemerkungen einer Reise im Russischen Reich“ erschien 1775 in Sankt Petersburg und enthält die Erstbeschreibung des Omuls. Pallas selbst beschrieb 1776 die lebendgebärende Golomjanka. Georgi gilt deshalb in der russischen Literatur als Verfasser der ersten wissenschaftlichen Beschreibung des Baikals.

Aufgeschlagenes altes Feldbuch mit gezeichneter Uferlinie, daneben Taschenkompass und Bleistift
Abb. 2Feldnotizen und Skizzen waren die Grundlage der ersten Karten. Symbolbild

Gegen Ende des Jahrhunderts begannen die ersten Tiefenmessungen. 1798 loteten E. Kopylow und S. Smetanin zwischen Angara und Selenga und kamen auf 1.238 Meter. Wie sich die gemessene Tiefe in zwei Jahrhunderten bis zu den heute gültigen 1.642 Metern entwickelte, zeigt die Seite zur Tiefe des Baikalsees und ihrer Vermessung. 1851 gründete die Russische Geographische Gesellschaft in Irkutsk ihre Sibirische Abteilung, die für Jahrzehnte die wichtigste Auftraggeberin der Baikalforschung wurde.

JahrForscherErgebnis
1724Daniel Gottlieb Messerschmidterste Überquerung mit wissenschaftlichem Auftrag
1772Johann Gottlieb GeorgiKarte, Beschreibung von Flora und Fauna, Omul
1776Peter Simon PallasBeschreibung der Golomjanka
1798Kopylow und Smetaninerste belegte Lotungen, bis 1.238 m
1868–1876Dybowski und GodlewskiTiefen, Temperaturen und Tierwelt vom Eis aus
1877–1881Iwan Tscherskigeologische Aufnahme aller Ufer
1896–1902Fjodor DrischenkoSeekarten, Atlas, Lotsenbuch
1925–1929Gleb WereschtschaginBaikal-Expedition der Akademie

Welche Rolle spielten die verbannten polnischen Forscher?

Eine entscheidende. Nach der Niederschlagung des polnischen Aufstands von 1863 wurden Tausende Teilnehmer nach Sibirien verbannt, darunter mehrere ausgebildete Naturwissenschaftler. Wer die Zwangsarbeit überstanden hatte und auf „Ansiedlung“ entlassen wurde, durfte unter Aufsicht arbeiten. Die Sibirische Abteilung der Geographischen Gesellschaft verschaffte einigen von ihnen Aufträge. Verbannung als Strafe hatte in Sibirien eine lange Tradition, von Awwakum bis zu den Offizieren des Dezemberaufstands; wie diese das geistige Leben Irkutsks prägten, beschreibt die Seite über die Dekabristen in Irkutsk.

Der Zoologe Benedykt Dybowski, vor dem Aufstand Professor in Warschau, war zum Tod verurteilt worden; das Urteil wurde in zwölf Jahre Verbannung umgewandelt. Gemeinsam mit seinem ebenfalls verbannten Landsmann Wiktor Godlewski ließ er sich Ende der 1860er-Jahre in Kultuk am Südende des Sees nieder. Anfangs ohne Geld der Gesellschaft, mit selbst gebauten Geräten und meist im Winter vom Eis aus, maßen die beiden Tiefen in Querprofilen, bestimmten die Wassertemperatur in verschiedenen Tiefen und sammelten Tiere vom Grund. Sie zeigten, dass Tiere bis in große Tiefen vorkommen, und beschrieben Dutzende neuer Arten, vor allem Flohkrebse. 1876 untersuchten sie den Chöwsgöl-See in der Mongolei und fanden dort keine Baikalfauna, ein früher Hinweis auf die Eigenständigkeit der Baikal-Tierwelt. Warum so viele Arten nur hier vorkommen, erklärt die Seite über die Endemiten des Baikalsees.

Historisches Thermometer im Holzgehäuse, Winkelmessgerät aus Messing und gläserne Wasserflasche auf einem Holztisch
Abb. 3Messinstrumente des 19. Jahrhunderts. Symbolbild

Der Geologe Aleksander Czekanowski untersuchte von 1869 bis 1871 die Geologie des Gouvernements Irkutsk einschließlich der Gebirge am Westufer; seine Monografie wurde 1872 mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Iwan Tscherski, als junger Aufständischer zum Militärdienst nach Omsk verbannt und weitgehend Autodidakt, kam 1871 nach Irkutsk. Von 1877 bis 1881 nahm er die Ufer des ganzen Sees geologisch und geomorphologisch auf; sein Bericht von 1886 enthielt eine detaillierte geologische Karte der Uferzone. Auf ihn geht auch die bis heute zitierte Zählung von 336 ständigen Zuflüssen zurück. Nach Tscherski sind ein Gipfel im Baikalgebirge und ein Uferabschnitt im Bargusin-Reservat benannt.

Wie wurde der See um 1900 vermessen?

Mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn brauchte der Staat genaue Seekarten, denn bis zur Fertigstellung der Uferbahn sollten Fährschiffe Züge über den See bringen. 1895 entwarfen der Marineoffizier Fjodor Drischenko und der Geograf Juli Schokalski ein Programm für die Vermessung. Die Hydrografische Expedition des Baikalsees unter Drischenko arbeitete von 1896 bis 1902 in den Sommermonaten, lotete die Ufergewässer, bestimmte Landmarken und legte Fahrwasser fest. Daraus entstanden ein Atlas des Sees in 31 Blättern und 1908 die erste Lozija, ein Lotsenhandbuch mit einer physisch-geografischen Beschreibung des Sees auf über 400 Seiten.

Zur selben Zeit kam die Biologie in Gang. Der Zoologe Alexei Korotnew leitete von 1900 bis 1902 eine Expedition, die Tiere aus großen Tiefen heraufholte und unter anderem die Kleine Golomjanka beschrieb. Der Geologe Wladimir Obrutschew untersuchte die Bruchstufen am Westufer; eine der großen Verwerfungen trägt seinen Namen. Die Frage, ob der See durch Absenkung oder durch Auseinanderreißen der Erdkruste entstanden ist, beschäftigte die Forschung seither, bis sie in den Begriff des Rifts mündete.

Wie entstand die dauerhafte Forschung am See?

Aus einer Kommission der Akademie, die am 30. März 1916 in Petrograd unter dem Zoologen Nikolai Nasonow gegründet wurde. Noch im selben Sommer schickte sie eine erste Expedition an den See, geleitet von dem in Irkutsk aufgewachsenen Biologen Witali Dorogostaiski; zu ihr gehörten der Botaniker Konstantin Meyer und der junge Zoologe Gleb Wereschtschagin. Für die Arbeit wurde in der Werft der Baikal-Fähre ein eigenes Forschungsboot gebaut, die „Tschaika“. Dorogostaiski suchte zugleich einen Ort für eine feste Station und fand ihn in der Bucht von Bolschije Koty, wo er Gebäude einer ehemaligen Glashütte erwerben konnte; Krieg und Umsturz verhinderten zunächst den Ausbau.

Nach der Gründung der Universität Irkutsk im Jahr 1918 entstand 1923 deren Biologisch-geographisches Forschungsinstitut, das bis heute in Bolschije Koty eine biologische Station unterhält. Von 1925 bis 1929 erkundete die Baikal-Expedition der Akademie unter Wereschtschagin alle Teile des Sees, mit einem Stützpunkt an der Bahnstation Marituj. Im Oktober 1928 wurde daraus die Baikal-Limnologische Station, die erste Einrichtung der Akademie der Wissenschaften in Sibirien. Mit einem Erlass vom 20. Januar 1961 wurde sie zum Limnologischen Institut der Sibirischen Abteilung erweitert; erster Direktor war der Limnologe und Botaniker Grigori Galasi. 1989 bezog das Institut ein neues Gebäude im Irkutsker Akademgorodok.

Die vielleicht wertvollste Datenreihe verdankt der See einer Familie. Im Februar 1945 begann die Universität Irkutsk unter Michail Koschow, regelmäßig an derselben Stelle vor Bolschije Koty, dem „Punkt Nr. 1“, Plankton und Wassertemperatur zu messen. Seine Tochter Olga Koschowa und seine Enkelin Ljubow Ismestjewa führten die Reihe fort, die bis heute weiterläuft. Eine Auswertung von 2008 ergab, dass sich das Oberflächenwasser dort seit 1946 im Mittel um 1,21 °C erwärmt hat und die Zahl der Wasserflöhe im Zooplankton um ein Mehrfaches gestiegen ist.

Was hat die Forschung seit den 1990er-Jahren beigetragen?

Vor allem Blicke in die Tiefe und in die Vergangenheit. Nach der Öffnung der Sowjetunion arbeiteten russische, amerikanische, japanische und europäische Teams im Baikal Drilling Project zusammen. Von 1993 bis 1999 wurde im Winter von Plattformen und einem eingefrorenen Schiff aus in den Seeboden gebohrt; die längsten Kerne waren mehrere Hundert Meter lang. Ihre Auswertung ergab ein Klimaarchiv Innerasiens, das nach dem längsten Kern BDP-98 rund 10 Millionen Jahre (nach älteren Angaben des Limnologischen Instituts rund 8 Millionen) und nach einer japanischen Studie bis zu 12 Millionen Jahre zurückreicht. Zugleich wurden im Baikal erstmals Gashydrate in einem Süßwassersee nachgewiesen.

Weitere Ergebnisse betrafen die Tierwelt: 1987 und 1988 starben rund 6.000 Baikalrobben, und Forscher des Instituts wiesen als Ursache das Hundestaupevirus nach. Das internationale INTAS-Projekt legte 2002 die digitale Tiefenkarte vor, von 2008 bis 2010 tauchten die Tiefseeboote Mir-1 und Mir-2 zum Grund. Im Südbecken entsteht seit 2015 das Neutrinoteleskop Baikal-GVD, das vom Eis aus Jahr für Jahr erweitert wird. Das Limnologische Institut beschäftigt heute nach eigenen Angaben 331 Menschen, darunter 180 Wissenschaftler, und betreibt fünf Forschungsschiffe, die jeden Sommer zu Expeditionen auslaufen. Wie sich die Forschung in die Geschichte der Region einfügt, zeigt die Zeitleiste der Geschichte des Baikalsees.

Häufige Fragen zur Erforschung des Baikalsees

Wer gilt als Begründer der modernen Baikalforschung?

Das Limnologische Institut in Irkutsk bezeichnet Benedykt Dybowski als Begründer der systematischen Baikalkunde. Als erster wissenschaftlicher Beschreiber des Sees gilt dagegen Johann Gottlieb Georgi, der 1772 im Auftrag der Petersburger Akademie am Baikal arbeitete. Institutionell begann die Dauerforschung mit der Station von 1928 unter Gleb Wereschtschagin.

Warum forschten gerade Verbannte am Baikal?

Weil unter den nach 1863 verbannten Polen mehrere ausgebildete Naturwissenschaftler waren, die in Sibirien bleiben mussten. Die Geographische Gesellschaft in Irkutsk nutzte ihr Wissen und vermittelte Aufträge. Für die Forscher war die Arbeit eine Möglichkeit, unter schwierigen Bedingungen wissenschaftlich tätig zu bleiben.

Was ist der „Punkt Nr. 1“?

Eine feste Messstelle im Südbecken vor Bolschije Koty, an der die Universität Irkutsk seit Februar 1945 regelmäßig Plankton und Temperatur erfasst. Die Reihe gilt als eine der längsten ununterbrochenen Planktonmessungen der Welt und ist eine wichtige Grundlage für Aussagen über die Erwärmung des Sees.

Seit wann gibt es das Limnologische Institut?

Seit 1961. Es ging aus der Baikal-Limnologischen Station hervor, die im Oktober 1928 als erste Einrichtung der Akademie der Wissenschaften in Sibirien gegründet worden war. Heute sitzt das Institut in Irkutsk und unterhält Stationen in Listwjanka und Bolschije Koty.

Wo lässt sich die Forschungsgeschichte nachvollziehen?

Das Baikal-Museum in Listwjanka entstand 1993 aus dem Museum des Limnologischen Instituts und zeigt unter anderem Geräte und Sammlungen der Baikalforschung. In Bolschije Koty unterhält die Universität Irkutsk an ihrer biologischen Station eine kleine Ausstellung zur Baikalkunde.

Quellen: Limnologisches Institut SB RAS: About the Institute; Limnologisches Institut: Geschichte der ersten Expeditionen (1916, 1925); Limnologisches Institut: Geschichte der Baikalforschung in Personen; U.S. Geological Survey: Lake Baikal – A Touchstone for Global Change and Rift Studies; Kashiwaya et al. (2001): A 12-Myr continental record from Lake Baikal, Nature 410; Hampton et al. (2008): Sixty years of environmental change in Lake Baikal, Global Change Biology 14; NII Biologii der Universität Irkutsk (bioinstitute.ru); Wikipedia (russisch): Георги, Дыбовский, Годлевский, Черский, Чекановский, Дриженко, Хронология озера Байкал. Stand: Oktober 2026.

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