Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Kultur & Geschichte

Benedykt Dybowski und die verbannten Forscher

Wie polnische Verbannte vom Eis aus die Tierwelt des Sees entdeckten

Bereich
Kultur & Geschichte
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Quadratisches Loch im Eis einer stillen Bucht mit hölzernem Dreibein und Hanfseil, daneben ein alter Holzschlitten
Abb. 1Durch Löcher im Eis maßen die Forscher Tiefe und Temperatur. Symbolbild
Kurz gesagt

Benedykt Dybowski (1833–1930) war ein polnischer Arzt und Zoologe, den Russland nach dem Januaraufstand von 1863 nach Sibirien verbannte. Ab 1868 erforschte er mit seinem Mitverbannten Wiktor Godlewski von Kultuk aus den Baikal, meist vom Eis: Tiefen, Wassertemperaturen und Tierwelt. Die beiden widerlegten die Lehre vom artenarmen See.

Wer war Benedykt Dybowski?

Ein Naturforscher mit medizinischer Ausbildung, der schon vor der Verbannung als Fischkundler bekannt war. Dybowski stammte aus einer polnischen Adelsfamilie im heutigen Belarus und studierte Medizin und Naturwissenschaften in Dorpat, Breslau und Berlin, wo er 1860 mit einer Arbeit über die Jungfernzeugung bei Bienen promoviert wurde. In Berlin lernte er nach eigenen Angaben Darwins gerade erschienenes Werk über die Entstehung der Arten kennen, das sein Denken prägte. In Dorpat legte er eine Monografie über die Karpfenfische Livlands vor. Ein Ruf an die Universität Krakau scheiterte am Einspruch der österreichischen Behörden, 1862 wurde er Adjunkt für Zoologie an der Hauptschule in Warschau, der Vorläuferin der Universität.

Im Januaraufstand von 1863, der Erhebung gegen die russische Herrschaft im geteilten Polen, war Dybowski Kommissar der polnischen Aufstandsregierung für Litauen und Belarus. Im März 1864 wurde er verhaftet, in der Warschauer Zitadelle festgehalten und zum Tod durch den Strang verurteilt. Nach polnischen Darstellungen setzten sich deutsche Zoologen für ihn ein, darunter sein Breslauer Lehrer Adolph Eduard Grube; das Urteil wurde in zwölf Jahre Verbannung mit Zwangsarbeit umgewandelt. Wie der Staat schon vier Jahrzehnte zuvor die Teilnehmer des Dezemberaufstands nach Sibirien geschickt hatte, schildert die Seite über die Dekabristen in Irkutsk.

Wie kam Dybowski als Verbannter an den Baikal?

Über Umwege durch Transbaikalien. Im Frühjahr 1865 erreichte der Gefangenentransport Ostsibirien. Dybowski lebte zunächst einige Monate im Dorf Siwakowa an der Ingoda bei Tschita und danach fast zwei Jahre am Mineralbad Darasun. Schon dort sammelte er mit Godlewski Vögel, Säugetiere und Fische und schickte Hunderte Bälge nach Warschau an den Ornithologen Władysław Taczanowski. Die Sammlungen zeigten, dass sich die Tierwelt Ostsibiriens deutlich von der europäischen unterscheidet, was damals umstritten war.

1867 kamen die beiden über das Jablonowygebirge und den See nach Irkutsk. In seiner Autobiografie dankt Dybowski dem Vorsitzenden der Sibirischen Abteilung der Russischen Geographischen Gesellschaft, General Bolesław Kukel, und dem Naturforscher Richard Maack dafür, dass sie ihnen das Wohnrecht in Kultuk verschafften. Das Dorf liegt am Südwestende des Sees unter dem Chamar-Daban. Ein Jahr zuvor, im Juni 1866, hatten sich am Bau der Uferstraße um den Südbaikal polnische Zwangsarbeiter von der Station Kultuk aus erhoben; der Aufstand war nach wenigen Tagen niedergeschlagen worden. Dybowski und Godlewski waren daran nicht beteiligt.

Wie arbeiteten Dybowski und Godlewski auf dem Eis?

Mit selbst gebauten Geräten, ohne Geld und vor allem im Winter. Die Sibirische Abteilung lehnte eine Unterstützung zunächst ab, weil der See als arm an niederen Tieren galt. Die beiden schlugen deshalb im Winter 1868 eigenhändig Löcher in das Eis vor Kultuk, nach Dybowskis Erinnerung rund 200, und ließen darin mit Gaze bespannte, einseitig offene Zylinder mit Fleischköder hinab. Nach einigen Tagen kontrollierten sie die Fallen der Reihe nach. Die Seile drehten sie selbst, weil gekaufte zu teuer waren. Dybowski schreibt den Erfolg ausdrücklich der Körperkraft und dem technischen Geschick Godlewskis zu, der den Großteil der Eisarbeit leistete.

Dazu kamen eine Dredge, die ein Pferd durch Spalten im Eis zog, ein großer Bodengreifer für Schlamm und ein kleinerer, selbst konstruierter für Grundproben aus verschiedenen Tiefen. Im Winter 1868/69 dehnten sie die Arbeit auf den Abschnitt zwischen Listwjanka und Kultuk aus und nahmen an rund 200 Stellen Proben. Sie maßen Tiefen in Querprofilen und bestimmten die Wassertemperatur in verschiedenen Tiefen, die erste planmäßige Messreihe dieser Art am See. Nach polnischen Angaben ermittelten sie 1871 für das Südbecken eine Tiefe von 1.373 Metern. Den Winter hielt Dybowski für die beste Arbeitszeit: Vom Eis aus ließ sich ohne teures Schiff messen, und die Gefahren durch Spalten seien übertrieben worden. Später arbeiteten sie aus einem beheizten Wagen auf Kufen, der gegen den Wind verankert wurde.

JahrStation
1864Verhaftung in Warschau, Todesurteil, Umwandlung in Verbannung
1865–1867Siwakowa und Darasun in Transbaikalien
1867/68Wohnrecht in Kultuk, erster Winter auf dem Eis
1868als Arzt und Naturforscher mit einer Kommission an Amur und Ussuri
1868/69Proben zwischen Kultuk und Listwjanka
1872–1875Expedition an Argun, Amur, Ussuri und ins Küstengebiet
1875/76neue Messungen am Baikal und am Ausfluss der Angara
1876Chöwsgöl-See in der Mongolei, keine Baikalfauna
1877Rückkehr nach Polen

Was entdeckten sie in der Tiefe des Sees?

Eine überraschend reiche Tierwelt. Vor Dybowski hatte der Naturforscher Gustav Radde nach rund zehn Monaten am See geschrieben, Weichtiere, Würmer und Krebse seien im Baikal kaum zu finden, und große Tiefen galten damals allgemein als unbelebt. Schon der erste Winter in Kultuk widerlegte das. Dybowski fand selbst in rund 1.000 Metern Tiefe Krebse, Weichtiere und Strudelwürmer. Blinde Arten entdeckte er nicht; die Tiefenformen hatten Augen, die aber milchweiß gefärbt waren, und meist längere Beine und Fühler als ihre Verwandten im Flachwasser.

Am folgenreichsten waren die Flohkrebse. Nach polnischen Angaben beschrieb Dybowski 116 neue Arten dieser Gruppe, 1874 erschien seine Monografie über die Gammariden des Baikals. Wie sich die Krebse über Jahrmillionen in so viele Arten aufgespalten haben, erklärt die Seite über die Flohkrebse im Baikalsee. Sein Bruder Władysław beschrieb aus dem Material 88 Weichtier- und 9 Schwammarten. Dybowski beobachtete auch, dass die Golomjanka im Spätherbst am Ufer erscheint, und führte das auf ihre Fortpflanzung zurück; mehr über den Fisch steht auf der Seite zur Golomjanka, dem Ölfisch der Tiefe. An erlegten Robben stellte er fest, dass sich die Baikalrobbe von der europäischen Ringelrobbe unterscheidet.

Alte Präparategläser mit Glasstopfen auf einem Holzregal, gefüllt mit Alkohol und kleinen Krebstieren
Abb. 2Sammlungen in Alkohol bildeten die Grundlage für die Beschreibung neuer Arten. Symbolbild

Wichtig für die Frage nach der Herkunft der Baikalfauna waren Vergleiche. 1875 und 1876 fischten Dybowski und Godlewski am Ausfluss der Angara und in Bergseen des Küstengebirges, im Herbst 1876 am Chöwsgöl-See in der Mongolei. Weder dort noch in den mit dem Baikal verbundenen Uferseen fanden sie die typischen Baikal-Flohkrebse, im Chöwsgöl lebte nur der gewöhnliche Bachflohkrebs. Der Baikal erwies sich damit als eigenständiges Faunengebiet.

Welche anderen Verbannten erforschten die Region?

Vor allem zwei Geologen und mehrere Sammler, die wie Dybowski nach 1863 verurteilt worden waren. Aleksander Czekanowski, 1863 verhaftet und zunächst in Transbaikalien und an der Angara angesiedelt, kam 1868 durch Fürsprache des Dorpater Geologen Friedrich Schmidt nach Irkutsk. Von 1869 bis 1871 nahm er die Geologie des Gouvernements Irkutsk auf und erhielt 1870 eine Goldmedaille der Geographischen Gesellschaft; später erkundete er die Untere Tunguska, die Lena und den Olenjok. Er starb 1876 in Sankt Petersburg.

Iwan Tscherski, polnisch Jan Czerski, war nach dem Aufstand zum Militärdienst nach Omsk verbannt worden und bildete sich weitgehend selbst. Ab 1871 arbeitete er in Irkutsk, von 1877 bis 1881 kartierte er die Ufer des ganzen Sees und legte die erste geologische Karte der Uferzone vor. Nach ihm heißen ein Gipfel im Chamar-Daban und der Tscherski-Stein über Listwjanka. Zu Dybowskis Expeditionen gehörten außerdem Michał Jankowski und Alfons Parvex. Wie diese Arbeiten in die Forschungsgeschichte passen, von Georgi bis zum Limnologischen Institut, zeigt die Seite über die Erforschung des Baikalsees.

Gemeinsam war ihnen die Sibirische Abteilung der Russischen Geographischen Gesellschaft, 1851 in Irkutsk gegründet, später Ostsibirische Abteilung. Sie vergab Aufträge, druckte Berichte und verlieh Medaillen. Die Gesellschaft in Sankt Petersburg zeichnete Godlewski 1870 mit ihrer Goldmedaille aus, Dybowski ebenfalls für seine ostsibirischen Forschungen. Für die Verbannten war das Unterstützung und Schutz zugleich: Die Arbeit für die Gesellschaft verschaffte ihnen Reisegenehmigungen und am Ende die Erlaubnis zur Rückkehr.

Wie ging Dybowskis Leben nach Sibirien weiter?

Mit einem zweiten Leben im Fernen Osten und einem dritten in Lemberg. 1877 durfte Dybowski nach Polen zurückkehren, ging aber bald als Bezirksarzt nach Petropawlowsk auf Kamtschatka, wo er im Juni 1879 ankam. Er fuhr nach eigener Darstellung fünfmal mit ärztlichem Auftrag um die Halbinsel, besuchte wiederholt die Kommandeurinseln und ließ Rentiere und Pferde auf die Beringinsel bringen. 1883 nahm er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Zoologie in Lemberg an, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, und baute dort das Zoologische Museum auf, das heute seinen Namen trägt. 1906 wurde er in den Ruhestand versetzt, nach polnischen Darstellungen wegen seines Eintretens für die Evolutionslehre.

Dem Baikal blieb er als Autor verbunden und schrieb bis ins hohe Alter über die Herkunft seiner Tierwelt. Im Ersten Weltkrieg sollte er als österreichischer Staatsbürger erneut nach Sibirien verbannt werden; Fürsprache der Petersburger Akademie verhinderte das. 1928 wählte ihn die Akademie der Wissenschaften der UdSSR zum korrespondierenden Mitglied. Er starb Ende Januar 1930 in Lemberg. Das Limnologische Institut in Irkutsk nennt ihn heute den Begründer der systematischen Baikalkunde, in Irkutsk trägt seit 1997 eine Straße seinen Namen. An Dybowski erinnern Artnamen wie die Kleine Golomjanka Comephorus dybowskii, an Godlewski die Ammer Emberiza godlewskii.

Häufige Fragen zu Benedykt Dybowski

Warum wurde Dybowski nach Sibirien verbannt?

Weil er im Januaraufstand von 1863 als Kommissar der polnischen Aufstandsregierung tätig war. Er wurde 1864 zum Tod verurteilt; nach Fürsprache deutscher Wissenschaftler wurde die Strafe in zwölf Jahre Verbannung mit Zwangsarbeit umgewandelt.

Wo am Baikal lebte Dybowski?

In Kultuk am Südwestende des Sees, am Fuß des Chamar-Daban. Dort wohnte er mit Wiktor Godlewski ab 1867/68; von Kultuk aus arbeiteten die beiden im Winter auf dem Eis bis in Richtung Listwjanka.

Wie viele Arten hat Dybowski beschrieben?

Polnische Quellen nennen für den Baikal rund 400 Tierarten, darunter 116 Flohkrebse und 6 Fische. Viele seiner späten Namen erkannte die zoologische Nomenklatur nicht an, etwa den 50 Buchstaben langen Namen eines Flohkrebses von 1927. Die Zahlen schwanken je nach Zählweise.

Was wurde aus Wiktor Godlewski?

Er kehrte 1877 krank nach Polen zurück, verwaltete Landgüter und kaufte um 1890 das Gut Smolechy bei Ostrów Mazowiecka, wo er sibirische Lärchen und Zirbelkiefern anpflanzte. Er starb 1900 an Typhus. Ein Pieper und eine Ammer tragen seinen Namen.

War Dybowski der Erste, der die Tiefe des Baikals gemessen hat?

Nein, erste Lotungen gab es schon 1798. Dybowski und Godlewski waren aber die Ersten, die Tiefen, Temperaturen und Bodentiere planmäßig in Profilen erfassten. Ihre Messungen blieben auf das Südbecken beschränkt.

Quellen: Dybowski, B.: Autobiografie, aus dem Jubiläumsband der Ostsibirischen Abteilung der Geographischen Gesellschaft, Kiew 1901 (Abdruck); Limnologisches Institut SB RAS: Geschichte der Baikalforschung in Personen; Muzeum Pamięci Sybiru, Białystok: Benedykt Dybowski (2024); Explorers Club, Polnische Sektion: Benedykt Tadeusz Dybowski; Wikipedia (polnisch): Benedykt Dybowski; Wikipedia (polnisch): Wiktor Godlewski. Weitere: Wikipedia (polnisch): Jan Czerski, Aleksander Czekanowski; Wikipedia (russisch): Kultuk, Rundbaikal-Aufstand 1866, Irkutsker Heimatmuseum. Stand: Oktober 2026.

Baikalsee.info

Sieben Stationen

  1. Der SeeTiefe · Wasser
  2. EisKlareis · Eishügel
  3. Natur & TiereNerpa · Omul
  4. Orte & OlchonOlchon · Irkutsk
  5. Kultur & GeschichteBurjaten · Transsib
  6. Wissenschaft & UmweltForschung · Umwelt
  7. ReiseReisezeit · Lage

Reiselage Das Auswärtige Amt warnt derzeit vor Reisen nach Russland. Aktueller Stand: auswaertiges-amt.de