Die Dekabristen waren Offiziere und Adlige, die sich am 14. (26.) Dezember 1825 in Sankt Petersburg gegen den neuen Zaren Nikolaus I. erhoben. Fünf wurden hingerichtet, die meisten übrigen zu Zwangsarbeit in Transbaikalien und anschließender Ansiedlung in Sibirien verurteilt. Ab den 1840er-Jahren lebten mehrere von ihnen in Irkutsk; zwei ihrer Häuser sind heute ein Museum.
Wer waren die Dekabristen, und was geschah im Dezember 1825?
Die Dekabristen waren Mitglieder geheimer Gesellschaften, meist junge Gardeoffiziere aus dem Adel, die Russland eine Verfassung geben und die Leibeigenschaft abschaffen wollten. Viele hatten in den Kriegen gegen Napoleon in Westeuropa gekämpft. Ab 1816 gründeten sie nacheinander mehrere Bünde; aus ihnen gingen die Nordgesellschaft in Sankt Petersburg und die Südgesellschaft bei der Zweiten Armee in der Ukraine hervor. Ihre Programme reichten von einer konstitutionellen Monarchie im Entwurf von Nikita Murawjow bis zur Republik in Pawel Pestels „Russkaja Prawda“.
Den Anlass zum Handeln gab ein Machtvakuum. Nach dem Tod Alexanders I. im November 1825 war zunächst unklar, ob sein Bruder Konstantin oder der jüngere Nikolaus Zar werden würde. Für den Tag, an dem Truppen und Senat auf Nikolaus vereidigt werden sollten, planten die Verschwörer den Aufstand. Am 14. Dezember 1825 nach dem damals gültigen julianischen Kalender, dem 26. Dezember nach heutigem Kalender, führten Offiziere einige Gardeeinheiten auf den Senatsplatz und verweigerten den Eid. Der zum „Diktator“ bestimmte Fürst Sergei Trubezkoi blieb dem Platz fern. Am Abend ließ Nikolaus I. die Aufständischen mit Kartätschen beschießen. Ende Dezember erhob sich im Süden das Tschernigow-Regiment, auch dieser Aufstand wurde nach wenigen Tagen niedergeschlagen.
Den Namen erhielten die Aufständischen nach dem Monat des Aufstands, russisch Dekabr. Die sowjetische Geschichtsschreibung sah in ihnen die „erste Generation russischer Revolutionäre“; als solche wurden sie in Irkutsk schon zum 100. Jahrestag 1925 mit einer Ausstellung geehrt. Wie Irkutsk zu dieser Zeit aussah und zur Hauptstadt Ostsibiriens geworden war, beschreibt die Seite über Irkutsk an der Angara.
Wie wurden die Dekabristen bestraft?
Hart und abgestuft. Eine Untersuchungskommission befragte nach dem Aufstand 579 Personen. Ein eigens eingerichtetes Oberstes Strafgericht verurteilte im Juli 1826 121 Angeklagte: 61 aus der Nordgesellschaft, 37 aus der Südgesellschaft und 23 aus der Gesellschaft der Vereinigten Slawen. Das Gericht teilte sie in elf Strafklassen ein und stellte fünf Männer außerhalb aller Klassen. Nikolaus I. milderte die meisten Urteile ab, nicht aber die Todesurteile gegen die fünf: Pawel Pestel, Kondrati Rylejew, Sergei Murawjow-Apostol, Michail Bestuschew-Rjumin und Pjotr Kachowski wurden am 13. (25.) Juli 1826 an der Peter-und-Paul-Festung gehängt.
| Urteil des Obersten Strafgerichts (1826) | Personen |
|---|---|
| Tod durch Vierteilen, umgewandelt in Erhängen | 5 |
| Tod durch Enthaupten, vom Zaren in Zwangsarbeit umgewandelt | 31 |
| „politischer Tod“ (Verlust aller Rechte) | 17 |
| Zwangsarbeit auf Lebenszeit | 16 |
| Zwangsarbeit für 10 Jahre | 5 |
| Zwangsarbeit für 6 Jahre | 15 |
| Verbannung zur Ansiedlung | 15 |
| Verlust von Rang und Adel, Verbannung nach Sibirien | 3 |
| Degradierung zum Soldaten | 9 |
Daneben wurden rund 120 Mitglieder der Geheimgesellschaften ohne Gerichtsverfahren bestraft, mit Festungshaft, Degradierung, Versetzung an die Kaukasusfront oder Polizeiaufsicht. Von den Soldaten, die am Aufstand teilgenommen hatten, wurden 178 durch die Spießrutengasse getrieben; rund 4.000 schickte man in einem eigenen Regiment in den Kaukasuskrieg. Die Strafe der Katorga, der Zwangsarbeit in Sibirien, war immer mit einer anschließenden Ansiedlung verbunden: Wer seine Zeit abgeleistet hatte, durfte nicht zurückkehren, sondern wurde einem Dorf oder einer Stadt in Sibirien zugewiesen.
Welchen Weg nahmen die Verurteilten nach Sibirien?
Die ersten acht Verurteilten verließen die Peter-und-Paul-Festung in den Nächten zum 21. und 23. Juli 1826. Fast die ganze Fahrt bis Irkutsk, rund 37 Tage, legten sie in Fußeisen zurück; unter ihnen war Sergei Trubezkoi. Zunächst arbeiteten sie in der Saline von Usolje und in Branntweinbrennereien bei Irkutsk. Weil die örtlichen Behörden ihnen zu viel Nachsicht zeigten, brachte man sie im Oktober 1826 in die Nertschinsker Bergwerke im Südosten Transbaikaliens, wo sie im Silberbergwerk von Blagodatsk unter Tage arbeiteten.
Ab Anfang 1827 sammelte die Regierung die zur Katorga Verurteilten im Ostrog von Tschita, einem hölzernen Gefängnis, wo sie Gräben aushoben und im Winter mit Handmühlen Roggen mahlten. Am 7. August 1830 brachen sie zu Fuß zum Eisenwerk Petrowski Sawod auf, wo inzwischen ein Gefängnis mit Einzelzellen für sie gebaut worden war; der Marsch dauerte bis zum 23. September. Unterwegs kamen sie durch die Dörfer der Altgläubigen, die auf der Seite über die Semejskije in Transbaikalien beschrieben sind. Ab 1832 wurden immer mehr Häftlinge nach Ablauf ihrer Strafe zur Ansiedlung entlassen; 1840 war das Gefängnis in Petrowski Sawod leer.
Die Verbannten der unteren Strafklassen kamen direkt oder nach zwei bis drei Jahren Zwangsarbeit in entlegene Orte West- und Ostsibiriens, von Berjosow und Turuchansk bis Jakutsk. In Transbaikalien und im heutigen Burjatien lebten nach der Katorga 14 Dekabristen, unter anderem in Selenginsk, Bargusin, Kabansk und Werchneudinsk, dem heutigen Ulan-Ude. Im Gefängnis gründeten die Häftlinge eine „Große Artel“ und eine „Kleine Artel“, Genossenschaften, in die Wohlhabende einzahlten, um mittellose Kameraden zu versorgen.
Welche Rolle spielten die Frauen der Dekabristen?
Elf Ehefrauen und Bräute folgten den Verurteilten freiwillig nach Sibirien und gaben dafür ihre Standesrechte auf. Als erste erhielt Jekaterina Trubezkaja, geborene Gräfin Laval, die Erlaubnis zur Reise; sie traf am 16. September 1826 in Irkutsk ein. Maria Wolkonskaja, Tochter des Generals Nikolai Rajewski, erreichte die Stadt in der Nacht zum 21. Januar 1827. Der Zivilgouverneur Iwan Zeidler hatte den Auftrag, beide zur Umkehr zu bewegen. Wer weiterreisen wollte, musste schriftlich auf die Rechte ihres Standes verzichten, durfte Briefe und Geld nur über die Werksverwaltung erhalten und ihre Kinder nicht mitnehmen. Trubezkaja sah ihren Mann am 10. Februar 1827 im Bergwerk von Blagodatsk wieder.
1827 kamen auch Alexandra Murawjowa, von 1828 bis 1831 folgten weitere Frauen, darunter die Französin Pauline Gueble, Braut von Iwan Annenkow, und Camille Le Dantu, Braut von Wassili Iwaschew; Jelena Bestuschewa kam als Schwester. Die Frauen hatten anders als ihre Männer Zugang zu Geld aus den Familien und waren für viele Gefangene die Verbindung nach außen. In Tschita richteten sie mit ihren Mitteln ein kleines Krankenhaus ein, das auch der örtlichen Bevölkerung offenstand. In Petrowski Sawod bauten sie sich Häuser in der Nähe des Gefängnisses, und ab 1831 durften verheiratete Häftlinge bei ihren Familien wohnen.

Das heutige Bild der Frauen prägte vor allem Nikolai Nekrassows Poem „Russische Frauen“ aus den 1870er-Jahren, ursprünglich „Die Dekabristinnen“. Es stellt Trubezkaja und Wolkonskaja als Heldinnen der Treue dar. Die Briefe und Erinnerungen zeichnen ein nüchterneres Bild: Sie berichten von Zermürbung durch die Behörden, vom Tod mehrerer in Sibirien geborener Kinder und von Konflikten innerhalb der Gemeinschaft. In Irkutsk steht seit 2011 neben dem Haus der Wolkonskis ein Denkmal für die Frauen der Dekabristen.
Wie lebten Wolkonski und Trubezkoi in Irkutsk?
Nach der Zwangsarbeit zunächst in Dörfern bei Irkutsk, ab Mitte der 1840er-Jahre in der Stadt selbst. Sergei Wolkonski, Generalmajor und einer der Führer der Südgesellschaft, wurde nach zehn Jahren Katorga 1836 mit seiner Familie nach Urik angesiedelt, rund 20 Kilometer nördlich von Irkutsk. Dort ließ er 1838 ein zweistöckiges Holzhaus bauen. Im Januar 1845 erhielt Maria Wolkonskaja die Erlaubnis, mit den Kindern nach Irkutsk zu ziehen, zwei Jahre später auch ihr Mann. Wolkonski ließ das Haus in Urik zerlegen und auf einem Grundstück hinter der Verklärungskirche wieder aufbauen; 1847 war es bewohnbar. Er selbst betrieb weiter Landwirtschaft und wohnte nach Angaben des Museums lieber im Gesindehaus im Hof.
Das Haus der Wolkonskis wurde unter der Leitung Marias zu einem Mittelpunkt der Irkutsker Gesellschaft, mit Hausmusik, Theaterabenden und Bällen. Der Arzt Nikolai Belogolowy, der in Irkutsk aufwuchs, nannte die Familien Trubezkoi und Wolkonski die beiden Zentren, um die sich die Irkutsker Dekabristen sammelten. Den Behörden war das nicht geheuer: Nachdem Maria Wolkonskaja mit ihrer Tochter das Theater besucht hatte, wurde den Frauen der „Staatsverbrecher“ der Besuch öffentlicher Vergnügungen verboten.
Sergei Trubezkoi lebte nach der Katorga von 1839 bis 1845 im Dorf Ojok und zog dann mit seiner Familie nach Irkutsk, in ein großes Holzhaus in der Snamenskaja-Vorstadt. Jekaterina Trubezkaja starb dort am 14. (26.) Oktober 1854 an Tuberkulose; sie ist im Snamenski-Kloster begraben, wo auch mehrere ihrer früh verstorbenen Kinder liegen. Das Haus der Familie brannte 1908 ab. Das Gebäude, das heute „Haus der Trubezkois“ heißt, verdankt seinen Namen nach Angaben des Museums einer Stadtlegende: Trubezkoi hat dort nie gewohnt, möglicherweise ließ die Familie es für eine ihrer Töchter bauen.

Beide Häuser bilden heute das Irkutsker historisch-memoriale Dekabristen-Museum. Seine Sammlung geht auf eine Ausstellung zum 100. Jahrestag 1925 zurück, die der Archivar Boris Kubalow zusammengetragen hatte. Am 29. Dezember 1970 wurde im Trubezkoi-Haus der erste Museumsteil eröffnet. Das Wolkonski-Haus, in dem nach 1868 eine Handwerkerschule, ab 1911 Kosaken und von 1920 bis 1974 zwanzig Familien in Gemeinschaftswohnungen untergebracht waren, wurde von 1974 bis 1985 restauriert und 1985 eröffnet. Seit 2000 ist das Museum eigenständig. Das Trubezkoi-Haus wurde 2007 vollständig zerlegt und im September 2011 restauriert wiedereröffnet. Zu den bekanntesten Stücken gehören zwei Tasteninstrumente aus dem Besitz Maria Wolkonskajas.
Was bewirkten die Dekabristen in Sibirien und am Baikal?
Am deutlichsten in Bildung, Medizin und Naturkunde. Mehrere Verbannte gründeten in ihren Häusern kostenlose Schulen für die Kinder der Umgebung. In Bargusin richtete Michail Küchelbecker eine Schule, ein kostenloses Krankenhaus und eine Apotheke ein. In Selenginsk, dem heutigen Nowoselenginsk an der Selenga, unterrichteten die Brüder Nikolai und Michail Bestuschew zusammen mit Konstantin Thorson Kinder in Lesen, Schreiben und Handwerk. Alexander Murawjow, Gründer des ersten Geheimbunds, wurde schon 1828 Stadthauptmann von Irkutsk und machte später im Staatsdienst Karriere.
Nikolai Bestuschew, Marineoffizier, Maler und Erfinder, lebte von 1839 bis zu seinem Tod 1855 in Selenginsk. Er machte meteorologische, seismische und astronomische Beobachtungen, beschrieb den Gussinoje-See und die benachbarte Kohlelagerstätte, sammelte burjatische Lieder und Erzählungen und fand Felsbilder an der Selenga. Schon in Tschita und Petrowski Sawod hatte er Porträts fast aller Mitgefangenen und ihrer Frauen gemalt, eine einzigartige Bildquelle. Die Brüder Pjotr und Andrei Borissow, verbannt nach Podlopatki und ab 1841 nach Malaja Raswodnaja bei Irkutsk, legten Herbarien an und zeichneten Vögel und Pflanzen. In Nowoselenginsk erinnert seit 1975 ein Museum an die Dekabristen in Burjatien.
Die Bücher der Verbannten bereicherten die sibirischen Bibliotheken. Michail Wolkonski, Sohn des Dekabristen, übergab 1854 Bücher an die Bibliothek der 1851 gegründeten Sibirischen Abteilung der Russischen Geographischen Gesellschaft in Irkutsk; auch die Bibliothek der Bestuschews gelangte dorthin und verbrannte im Stadtbrand von 1879. Die Geographische Gesellschaft wurde zum Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Arbeit am See, die auf der Seite über die Erforschung des Baikalsees dargestellt ist.
Am 26. August (7. September) 1856, dem Tag seiner Krönung, begnadigte Alexander II. die noch lebenden Dekabristen. Viele hatten diesen Tag nicht erlebt. Sergei Wolkonski verließ Sibirien 1856, Trubezkoi im selben Jahr. Die Verbannung nach Sibirien als politisches Strafsystem endete damit nicht. Nach den polnischen Aufständen von 1830/31 und 1863/64 wurden Tausende Polen verbannt. Unter ihnen war der Arzt und Zoologe Benedykt Dybowski, 1864 verurteilt, der sich in Kultuk am Südende des Sees niederließ und dessen Untersuchungen die Kenntnis der Tierwelt des Baikals grundlegend erweiterten. Wie sich diese Abschnitte in die lange Geschichte der Region einfügen, zeigt die Zeitleiste der Geschichte des Baikalsees.
Häufige Fragen zu den Dekabristen
Warum heißen die Dekabristen so?
Der Name kommt vom russischen Wort für Dezember, Dekabr. Der Aufstand fand am 14. Dezember 1825 nach dem julianischen Kalender statt, nach heutigem Kalender am 26. Dezember. Die Teilnehmer selbst nannten sich nicht so; der Begriff setzte sich erst später durch.
Hat Fürst Trubezkoi im Trubezkoi-Haus gewohnt?
Nach Angaben des Irkutsker Dekabristen-Museums nicht. Die Familie lebte von 1845 bis 1856 in einem anderen Holzhaus in der Snamenskaja-Vorstadt, das 1908 abbrannte. Der Name des heutigen Museumshauses geht auf eine Stadtlegende zurück, die 1936 zu einer Gedenktafel führte.
Wo ist Jekaterina Trubezkaja begraben?
Im Snamenski-Kloster in Irkutsk. Sie starb im Oktober 1854 an Tuberkulose, zwei Jahre vor der Amnestie. Auf dem Klostergelände liegen auch mehrere ihrer Kinder, die in Sibirien früh starben.
Wann durften die Dekabristen zurückkehren?
Erst mit der Amnestie Alexanders II. im August 1856, mehr als 30 Jahre nach dem Aufstand. Einige blieben freiwillig in Sibirien, etwa Michail Bestuschew in Selenginsk. Andere durften zunächst nicht in die beiden Hauptstädte ziehen.
Gibt es Erinnerungsorte der Dekabristen in Burjatien?
Ja. In Nowoselenginsk besteht seit 1975 ein Dekabristen-Museum, und auf dem Friedhof am Ufer der Selenga liegen Nikolai Bestuschew und Konstantin Thorson. In Bargusin erinnert ein Denkmal an die Brüder Küchelbecker, und in Ulan-Ude trägt das Russische Schauspieltheater seit 1991 den Namen Nikolai Bestuschews.
Quellen: Irkutsker Dekabristen-Museum: Geschichte des Museums; Irkutsker Dekabristen-Museum: Haus der Wolkonskis; Irkutsker Dekabristen-Museum: Haus der Trubezkois; Wikipedia (russisch): Dekabristen. Weitere: Wikipedia (russisch): Dekabristinnen, Dekabristen in Burjatien, Jekaterina Trubezkaja, Maria Wolkonskaja; Wikipedia (englisch): Benedykt Dybowski. Stand: Oktober 2026.
