Das bekannteste Lied über den See, „Ruhmreiches Meer, heiliger Baikal“, geht auf ein Gedicht von Dmitri Dawydow aus dem Jahr 1848 zurück und wurde unter Sträflingen zum Volkslied. Anton Tschechow reiste 1890 über den See, Valentin Rasputin schrieb über ihn als Mahner, und Sergei Gerassimows Film „Am See“ brachte 1969 den Streit um das Zellstoffwerk ins Kino.
Woher stammt das Lied vom „heiligen Baikal“?
Von einem Schuldirektor in Werchneudinsk und von namenlosen Sträflingen, die es sangen. Dmitri Dawydow, Leiter der Kreisschule im heutigen Ulan-Ude, Volkskundler und Mitglied der Sibirischen Abteilung der Geographischen Gesellschaft, schrieb 1848 das Gedicht „Gedanken eines Flüchtlings am Baikal“. Darin flieht ein Häftling aus dem Zuchthaus Akatui in Transbaikalien, schlägt sich an Nertschinsk und der Schilka vorbei durch und findet am Ufer ein angespültes Omulfass, mit dem er über den See setzt. Der Bargusin, der Wind aus dem Bargusin-Tal, soll ihm die Welle schieben. In einer Petersburger Zeitung erklärte Dawydow später, entflohene Sträflinge hätten tatsächlich versucht, den See in solchen Fässern zu überqueren.
Ab der Mitte der 1850er-Jahre wurde das Gedicht gesungen. Wer die Melodie erfand, ist nicht bekannt; nach russischen Darstellungen entstand sie vermutlich unter Häftlingen der Nertschinsker Bergwerke, weshalb das Lied als Volkslied gilt. Gedruckt erschien es zuerst 1863 im elften Heft der Zeitschrift „Sowremennik“, noch nah am Gedicht. Im mündlichen Gebrauch wurde es kürzer, und aus dem „weiten, freien Baikal“ des Originals wurde der „heilige“. Die erste Strophe des heutigen Liedes lautet sinngemäß: „Ruhmreiches Meer, heiliger Baikal, ruhmreiches Schiff, ein Omulfass. He, Bargusin, schieb die Welle an, der Bursche hat nicht mehr weit.“ In der Region Irkutsk gilt es als inoffizielle Hymne.
Der Ton des Liedes greift einen alten Beinamen auf: Russen nannten den See schon lange das „heilige Meer“, Anwohner sagen bis heute „Meer“. Woher dieser Name kommt und welche Sagen die Burjaten über den See erzählen, beschreibt die Seite über die Legenden und Mythen des Baikalsees. Bis in die Gegenwart wird das Lied neu aufgenommen, 2011 etwa von der Rockgruppe Akwarium.

Was schrieb Tschechow 1890 über den Baikal?
Dass der See erstaunlich sei und die Sibirier ihn zu Recht ein Meer nennen. Anton Tschechow reiste 1890 quer durch Sibirien zur Sträflingsinsel Sachalin, um über die Haftbedingungen zu schreiben. Am Abend des 11. Juni verließ er Irkutsk mit Pferden, am 12. Juni erreichte er die Uferstation, das heutige Listwjanka. Dort musste er auf den Dampfer über den See warten. In einem Brief vom 13. Juni klagte er, dass es im Dorf weder Fleisch noch Fisch zu kaufen gebe, wohl aber Wodka. Welche Spuren der Besuch und spätere Schriftsteller im Ort hinterließen, steht auf der Seite über Listwjanka am Ausfluss der Angara.
Nach der Überfahrt schrieb er am 20. Juni, schon auf dem Weg zum Amur, Briefe über die Reise. Er rühmt darin das ungewöhnlich klare Wasser, durch das man wie durch Luft hindurchsehe, seine zarte Türkisfarbe und die bewaldeten Bergufer; Transbaikalien vergleicht er mit einer Mischung aus der Schweiz, dem Don und Finnland. An den Dichter Alexei Pleschtschejew schrieb er am selben Tag, mit dem Baikal beginne die sibirische Poesie, bis dahin sei alles Prosa gewesen. Der Geograf Wladimir Kaluzkow hat gezeigt, wie sich Tschechows Bild Sibiriens auf dieser Reise wandelte: von der Eintönigkeit Westsibiriens zu einer Landschaft, die er an seiner südrussischen Heimat maß.
Wie prägte Valentin Rasputin das Bild des Sees?
Als Erzähler der Angara-Dörfer und als einer der lautesten Fürsprecher des Baikals. Rasputin wurde 1937 in Ust-Uda an der Angara geboren und wuchs im Nachbardorf Atalanka auf; Ust-Uda wurde vor der Flutung des Bratsker Stausees an einen neuen Ort verlegt. Diese Erfahrung prägt seine bekannteste Erzählung „Abschied von Matjora“ (1976) über ein Inseldorf in der Angara, das einem Stausee weichen muss. Mit „Leb und vergiss nicht“ (1974) und „Der Brand“ (1985) wurde er zu einem der wichtigsten Vertreter der sowjetischen Dorfprosa.
Nach diesen Erzählungen wurde der Schutz der Natur sein Hauptthema als Publizist. Literaturwissenschaftler der Universität Belgorod zeigen, wie der Baikal und der Streit um das Zellstoffwerk in seinen Artikeln immer wiederkehren. In seinem Essay „Baikal“ beruft er sich auf die frühesten russischen Beschreibungen des Sees durch den Erzpriester Awwakum und beschreibt den See als lebendiges Gegenüber, dem man verpflichtet sei. Der Essay ging später in den Band „Sibirien, Sibirien“ ein, der 1991 erschien und für den er 2009 einen Preis der russischen Regierung erhielt. 1989 und 1990 saß er als Volksdeputierter im Umweltausschuss des Obersten Sowjets. Wie der Konflikt um das Werk verlief, schildert die Seite über das Zellstoffwerk Baikalsk.
Rasputin starb am 14. März 2015 in Moskau und wurde in Irkutsk beigesetzt. Das Irkutsker Heimatmuseum unterhält heute ein eigenes Rasputin-Museum, und das internationale Baikal-Festival für populärwissenschaftliche und Dokumentarfilme „Mensch und Natur“ trägt seit 2015 seinen Namen.
Was geschah mit Alexander Wampilow am Baikal?
Er ertrank am 17. August 1972, zwei Tage vor seinem 35. Geburtstag, als sein Boot im Baikalsee vor Listwjanka, nahe dem Ausfluss der Angara, kenterte. Wampilow schwamm zum Ufer und starb im Wasser, vermutlich an Unterkühlung; sein Freund, der Schriftsteller Gleb Pakulow, wurde von Fischern gerettet. Wampilow stammte aus Kutulik im Gebiet Irkutsk. Sein Vater, ein burjatischer Lehrer, war 1938 vom NKWD erschossen und 1957 rehabilitiert worden.
Zu Lebzeiten kämpfte Wampilow um Aufführungen. Sein Stück „Die Entenjagd“ wurde in Moskau zunächst nicht gespielt und zuerst in Riga auf Lettisch aufgeführt. Seine Stücke, darunter „Der ältere Sohn“, „Die Entenjagd“ und „Letzten Sommer in Tschulimsk“, wurden in viele Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Er ist in Irkutsk begraben; in Listwjanka erinnert ein Denkmal am Ufer an ihn.
Welche Filme zeigen den Baikal?
Zuerst kurze Ansichten, dann Spielfilme über Umwelt und Einsamkeit. Schon 1909 zeigte der sibirische Kinobetreiber A. M. Don-Otello in seinen Kinos Aufnahmen vom Baikal und von Irkutsk; Teile davon gingen in den Film „Reise durch Sibirien“ ein. Die Kulturwissenschaftlerin Inna Saweljewa von der Universität Tomsk nennt sie als Beispiel für das frühe Interesse sibirischer Kinobetreiber an Bildern der eigenen Region.
Der wichtigste Spielfilm ist „U osera“ (Am See) von Sergei Gerassimow aus dem Jahr 1969. Er erzählt von einem Baikalforscher, der gegen den Bau eines Zellstoffwerks am Südufer kämpft, und von der Tochter des Forschers, die sich in den Direktor des Werks verliebt. Den Direktor spielte Wassili Schukschin, die Tochter Natalja Belochwostikowa. Als Vorbild für den Forscher gilt der Irkutsker Biologe Michail Koschow. Die Leser der Zeitschrift „Sowjetski ekran“ wählten ihn zum besten Film des Jahres 1970. 2016 drehte der französische Regisseur Safy Nebbou „Dans les forêts de Sibérie“ (In den Wäldern Sibiriens) über einen Mann, der allein in einer Hütte am gefrorenen Baikal lebt.
Wie erscheint der See in Malerei und westlicher Literatur?
In der Malerei vor allem in Landschaften Irkutsker Künstler, in westlicher Literatur in Reiseberichten. Der Maler und Fotograf Nikolai Dobrowolski (1837–1900), ein Absolvent der Petersburger Kunstakademie, reiste ab 1886 durch Sibirien und lebte überwiegend in Irkutsk. Er malte Ansichten der Stadt, der Angara und des Baikals; mehrere Bilder besitzt das Irkutsker Kunstmuseum.
Auf Deutsch geschrieben wurde schon die erste wissenschaftliche Beschreibung des Sees: Johann Gottlieb Georgi veröffentlichte 1775 seine „Bemerkungen einer Reise im Russischen Reich“. Ein jüngeres Beispiel ist der französische Schriftsteller Sylvain Tesson, der 2010 sechs Monate allein in einer Hütte am Nordwestufer nahe dem Baikal-Lena-Reservat lebte. Sein Tagebuch „Dans les forêts de Sibérie“ erhielt 2011 den Prix Médicis für Essays und erschien auf Deutsch als „In den Wäldern Sibiriens“; aus ihm entstand der Film von 2016. Einen Überblick über Glauben, Völker und Geschichte am See bietet der Bereich Kultur und Geschichte am Baikalsee.
Häufige Fragen zum Baikal in Kunst und Literatur
Wer hat „Slawnoje more – swjaschtschenny Baikal“ geschrieben?
Der Text stammt von Dmitri Dawydow (1811–1888), einem Lehrer und Volkskundler aus Transbaikalien, der das Gedicht 1848 schrieb. Die Melodie ist anonym und entstand nach russischen Darstellungen unter Sträflingen. Das Lied wurde dabei gekürzt und im Wortlaut verändert.
Wovon handelt das Baikal-Lied?
Von einem entflohenen Sträfling aus Akatui, der sich durch Transbaikalien schlägt und den See in einem Omulfass überquert. Der Wind Bargusin soll ihn ans andere Ufer treiben. Das Lied verbindet so Verbannung, Freiheitswunsch und die Natur des Sees.
War Tschechow lange am Baikal?
Nein, nur wenige Tage im Juni 1890. Er wartete in Listwjanka auf den Dampfer, setzte über den See und reiste dann weiter zum Amur und nach Sachalin. Seine Eindrücke stehen in Briefen an Familie und Freunde, nicht in einem eigenen Werk über den See.
Wo ist Valentin Rasputin begraben?
In Irkutsk, obwohl er die letzten Jahrzehnte überwiegend in Moskau lebte. In der Stadt erinnern ein Museum und Gedenktafeln an ihn; im Gebiet Irkutsk wurde 2015 Trauer angeordnet.
Wurde der Film „Am See“ am Baikal gedreht?
Der Film spielt am Südufer des Baikals und behandelt den Bau des Zellstoffwerks in Baikalsk, das 1966 in Betrieb ging. Genaue Drehorte nennen die geprüften Quellen nicht.
Quellen: Kaluzkow, W. N. (2021): Ein Südländer in Sibirien. Tschechows Reise in Skizzen und Briefen, Geografitscheski westnik 3 (58); Karpenko, I. I.; Merinow, W. J. (2013): Die Ökologie im Werk von W. G. Rasputin, Universität Belgorod; Saweljewa, I. P. (2007): Kino in Sibirien und Kino über Sibirien, Westnik der Universität Tomsk 304; Duke University, Chekhov’s Footprints: Irkutsk (Briefe Juni 1890); Wikipedia (russisch): Slawnoje more – swjaschtschenny Baikal; Wikipedia (russisch): Alexander Wampilow. Weitere: Wikipedia (russisch): Dawydow, Rasputin, U osera, Dobrowolski, Irkutsker Heimatmuseum; Wikipedia (französisch): Dans les forêts de Sibérie. Stand: Oktober 2026.
