Der Wasserstand des Baikalsees wird seit 1958 über den Staudamm des Wasserkraftwerks Irkutsk an der Angara mitgesteuert. Der See liegt seither im langjährigen Mittel rund 0,7 bis 1 Meter höher als ohne Damm, in den 1960er-Jahren zeitweise 1,2 bis 1,3 Meter. In Jahren mit normaler Wasserführung muss der Spiegel zwischen 456 und 457 Metern bleiben, in Trocken- und Nassjahren gelten 455,54 und 457,85 Meter.
Wie schwankte der Baikalsee vor dem Staudamm?
Der natürliche Seespiegel stieg jedes Jahr von Mai bis zum Herbst und sank im Winter wieder, im Mittel um rund 80 Zentimeter. Am tiefsten stand er im April, am höchsten im September, wenn die Sommerregen im Einzugsgebiet der Selenga den See gefüllt hatten. Über Jahrzehnte kamen größere Schwankungen hinzu: Zwischen dem niedrigsten beobachteten Stand von 454,93 Metern im Jahr 1904 und dem höchsten von 457,10 Metern im Jahr 1869 lagen 2,17 Meter.
Ein Regler war damals allein die Angara. Je höher der See stand, desto mehr Wasser floss durch den felsigen Ausfluss ab, und zwischen Spiegelhöhe und Abfluss bestand ein nahezu fester Zusammenhang. Hohe Stände bauten sich so von selbst ab, niedrige wurden durch geringeren Abfluss abgefedert. Ob der See steigt oder fällt, hängt bis heute vor allem davon ab, wie viel Wasser die Zuflüsse bringen; das Einzugsgebiet und die Rolle der Selenga beschreibt die Seite über die Zuflüsse und die Selenga.
Wie hat der Damm von Irkutsk den See verändert?
Er hat den Baikal zum Teil eines Stausees gemacht. Das Kraftwerk Irkutsk liegt rund 65 bis 70 Kilometer unterhalb des Ausflusses an der Angara. Es wurde ab 1950 gebaut, im Juli 1956 wurde der Fluss abgesperrt, und Ende 1956 lief die erste Turbine. Wie die Kraftwerkskette entlang des Flusses aufgebaut ist, beschreibt die Seite über die Angara und ihre Kraftwerke.
Der Rückstau erreichte den See nach einer Rekonstruktion des Irkutsker Hydrologen Waleri Sinjukowitsch im August und September 1958. Ende 1959 lag der Spiegel bereits 30 Zentimeter über dem Stand, den er ohne Damm gehabt hätte, im Oktober 1960 bei 456,8 Metern und damit 68 Zentimeter darüber. 1962 wurde der vorgesehene Stauspiegel von 457 Metern erstmals um 34 Zentimeter überschritten, der Abstand zum natürlichen Stand wuchs auf rund 1,2 Meter. Der UNDP-GEF-Umweltbericht nennt für 1964 einen Anstieg um 1,3 Meter. Langfristig pendelte sich der Unterschied niedriger ein: Von 1960 bis 2000 lag der See im Mittel rund 70 Zentimeter über dem rekonstruierten natürlichen Stand, von 2001 bis 2014 rund 77 Zentimeter. Daher rührt die Spanne der Angaben: Rund einen Meter ergibt der Vergleich der gemessenen Pegel mit dem mittleren Stand vor dem Bau des Damms, wie ihn der UNDP-GEF-Bericht zieht. Die 70 und 77 Zentimeter stammen aus einer Rekonstruktion, die aus Zufluss, Niederschlag, Verdunstung und dem früheren Abflussverhalten der Angara berechnet, wie hoch der See in denselben Jahren ohne Damm gestanden hätte; natürliche Nass- und Trockenjahre sind damit herausgerechnet. Zusammen ergeben beide Wege die Spanne von rund 0,7 bis 1 Meter im langjährigen Mittel.
Auch der Jahresgang hat sich verändert. Seit dem Aufstau wird der See im Herbst stärker gefüllt und vor dem Frühjahr tiefer abgesenkt. Der Tiefststand verschob sich vom April in den Mai, der Höchststand vom September in den Oktober, und die Jahresschwankung wuchs von rund 80 auf rund 113 Zentimeter. Heute gehört das Kraftwerk zur Firmengruppe En+. Nach einer Modernisierung der Turbinen ab 2020 leistet es rund 760 Megawatt und versorgt unter anderem die Aluminiumhütte im nahen Schelechow sowie die Region um Irkutsk.

Welche Grenzwerte gelten für den Wasserstand?
Für normale Jahre gilt ein Band von einem Meter, zwischen 456 und 457 Metern. In Jahren mit sehr wenig oder sehr viel Zufluss darf der See bis 455,54 Meter absinken und bis 457,85 Meter steigen. So legt es die Regierungsverordnung Nr. 481 vom 11. April 2025 für die Jahre 2025 bis 2027 fest, die sich auf Artikel 7 des Baikal-Gesetzes stützt. Die ursprüngliche Verordnung Nr. 234 von 2001 mit dem festen Band von 456 bis 457 Metern ist bis zum 1. Januar 2028 ausgesetzt.
| Regelung | Geltung | Untergrenze | Obergrenze |
|---|---|---|---|
| Betriebsregeln für das Kraftwerk (1988) | bis 2001 | 455,54 m | 457,40 m |
| Verordnung Nr. 234 vom 26. März 2001 | ab 2001, seit 2016 meist ausgesetzt | 456,00 m | 457,00 m |
| Verordnung Nr. 97 vom 4. Februar 2015 | Herbst und Winter 2014/15 | Unterschreitung erlaubt | – |
| Verordnung Nr. 626 vom 1. Juli 2016 | 2016–2017 | 456,00 m, Trockenjahr 455,54 m | 457,00 m, Nassjahr 457,85 m |
| Verordnung Nr. 1667 vom 27. Dezember 2017 | 2018–2020 | wie 2016 | wie 2016 |
| Verordnung Nr. 654 vom 27. April 2021 | 2021 | wie 2016 | wie 2016 |
| Verordnung Nr. 379 vom 16. März 2022 | 2022–2023 | wie 2016 | wie 2016 |
| Verordnung Nr. 481 vom 11. April 2025 | 2025–2027 | wie 2016 | wie 2016 |
Die Liste zeigt, dass das 2001 beschlossene Band in der Praxis kaum zu halten war. Seit 2016 wird es immer wieder durch befristete Verordnungen erweitert, deren Grenzen den alten Betriebsregeln nahekommen. Für 2024 ist im amtlichen Veröffentlichungsportal keine eigene Verordnung verzeichnet. Die Verordnung von 2001 war damals ein Ergebnis der Kritik an häufigen Überschreitungen: Bis 2001 lag der See in 17 Jahren über 457 Metern, allein zehnmal zwischen 1983 und 1995, und 18-mal unter 456 Metern.
Was geschah in den Niedrigwasserjahren und im Hochwasser 2020/21?
Ab Mitte der 1990er-Jahre brachten die Flüsse über zwei Jahrzehnte weniger Wasser als im langjährigen Mittel, vor allem die Selenga. 2014 verschärfte sich die Trockenheit. Im Februar 2015 sank der Seespiegel erstmals seit 2001 unter 456 Meter und blieb 108 Tage darunter, mit einem Tiefststand von 455,86 Metern Ende April. 2016 lag er 184 Tage unter der Marke, am tiefsten Anfang Mai bei 455,71 Metern. Im Wasserwirtschaftsjahr 2015/16 erreichten den See nur 34,7 Kubikkilometer Zufluss, gegenüber einem Mittel von rund 62 Kubikkilometern.
Das Kraftwerk hätte die Untergrenze nur halten können, wenn es den Abfluss weiter gedrosselt hätte. Unterhalb des Damms schreiben die Betriebsregeln aber mindestens 1.250 bis 1.300 Kubikmeter pro Sekunde vor, damit die Wasserwerke und Heizkraftwerke von Angarsk, Usolje-Sibirskoje und Tscheremchowo arbeiten können; für die Schifffahrt bis zum Stausee von Bratsk werden im Sommer mindestens 1.500 Kubikmeter verlangt.
Ab 2018 kehrte sich die Lage um. Starke Sommerregen an der Selenga ließen den See in jenem Jahr um 1,23 Meter steigen, bis er am 29. Oktober 2018 mit 456,95 Metern knapp unter der Obergrenze stand. 2020 und 2021 stieg der Zufluss erneut stark an. Am Ostufer in Burjatien standen 2021 Strände unter Wasser, etwa in Gremjatschinsk, Maximicha und im Bezirk Kabansk; in Gremjatschinsk mussten Ferienanlagen in Ufernähe wegen steigenden Grundwassers schließen. 2022 fiel der Spiegel wieder. Auch auf der Angara selbst sind die Spielräume begrenzt: Unterhalb des Damms ist die Aue in Irkutsk so dicht bebaut, dass schon ab rund 2.800 bis 3.000 Kubikmetern pro Sekunde Überschwemmungen beginnen, obwohl die Anlage für 6.000 Kubikmeter ausgelegt ist.
Wer streitet um den Wasserstand des Baikals?
Beteiligt sind Stromwirtschaft, Städte an der Angara, Uferbewohner am See, Wissenschaft und Naturschutz, und ihre Interessen widersprechen sich teilweise. Für die Energieerzeuger und die energieintensive Industrie ist der Baikal ein Speicher, der die gesamte Kraftwerkskette an der Angara in trockenen Jahren stützt. Die Städte flussabwärts brauchen einen gesicherten Mindestabfluss, die Uferorte und Feuchtgebiete am See dagegen weder zu hohe noch zu tiefe Stände.
Auch unter Fachleuten gehen die Meinungen auseinander. Forschende des Baikal-Instituts für Naturnutzung in Ulan-Ude um Jendon Garmajew forderten 2019, zum festen Band von 456 bis 457 Metern zurückzukehren, und hielten eine Höchstmarke von 457,85 Metern für schädlich für das Ökosystem. Irkutsker Hydrologen um Sinjukowitsch vom Limnologischen Institut betonten dagegen 2018, dass das enge Band in extremen Jahren nicht einzuhalten sei, und eine Irkutsker Autorengruppe schlug 2022 vor, das Kraftwerk Irkutsk vorrangig nach den Bedürfnissen des Sees zu steuern und Schwankungen über die Produktion der Aluminiumindustrie abzufedern. Das Welterbekomitee der UNESCO verlangt seit Jahren Regeln, die mit dem Schutz des Welterbes vereinbar sind. Eine dauerhafte Lösung gibt es mit Stand Oktober 2026 nicht.
Was bedeuten hohe und niedrige Pegel für Ufer und Laichplätze?
Beide Extreme schaden vor allem der Uferzone. Der Aufstau überflutete nach verschiedenen Angaben rund 450 bis 600 Quadratkilometer Uferland, vor allem in den flachen Buchten und Lagunen am Ostufer. In den ersten Jahren mit hohem Wasserstand bis etwa 1975 brachen die Ufer stark ab; nach Schätzungen gelangten dabei rund 50 Millionen Tonnen Sand und Kies in den See. An der Inselkette Jarki im Norden, die das Flachwasser der Oberen Angara vom offenen See trennt, wich das Ufer um 100 bis 350 Meter zurück.
Auch die Tierwelt reagierte. Zwischen 1960 und 1975 schrumpfte die Fläche der Laichplätze der Gelbflügelgroppe (Cottocomephorus grewingkii) fast auf die Hälfte. Dieser kleine Groppenfisch laicht im Flachwasser und ist eine wichtige Nahrung des Omuls. Zusammen mit anderen Ursachen wird dies mit dem Rückgang des Omuls in Verbindung gebracht, dessen Fang Ende der 1960er-Jahre für mehrere Jahre verboten wurde. In der Niedrigwasserphase um 1980 erholten sich die Bestände der Uferfische teilweise.

Sehr niedrige Stände haben andere Folgen. Fachleute nennen sinkendes Grundwasser, Lagunen, die kaum noch Wasser mit dem offenen See austauschen und zuwachsen, Torfbrände im Selenga-Delta und Laichplätze in flachem Wasser, die bis zum Grund durchfrieren. Sehr hohe Stände über 457 Metern zerstörten Mitte der 1990er-Jahre Strände, Uferwälder und Bauten am flachen Ostufer und gefährden bei Sturm die Inselkette Jarki. Für die Tiere der Tiefe spielt der Pegel dagegen kaum eine Rolle.
Trocknet der Baikalsee aus?
Nein. Selbst die extremen Schwankungen betreffen nur einen winzigen Teil des Sees. Ein Meter Seespiegel entspricht bei 31.722 Quadratkilometern Fläche rund 32 Kubikkilometern Wasser, also etwa 0,13 Prozent der rund 23.615 Kubikkilometer im See. Das größte erlaubte Band von 455,54 bis 457,85 Metern umfasst rund 73 Kubikkilometer, etwa 0,3 Prozent. Bei einer mittleren Tiefe von rund 744 Metern verändern solche Schwankungen die Form des Sees nur an den flachen Ufern. Ob sich am Wasserhaushalt durch den Klimawandel langfristig etwas ändert, behandelt die Seite zum Klimawandel am Baikalsee.
Häufige Fragen zum Wasserstand des Baikalsees
Ist der Baikalsee ein Stausee?
Entstanden ist er als Grabensee vor 25 bis 30 Millionen Jahren. Seit dem Bau des Kraftwerks Irkutsk zählt er aber hydrologisch zum Irkutsker Stausee, weil der Damm seinen Abfluss und damit seinen Spiegel mitbestimmt.
Wie hoch steht der Baikal über dem Meer?
Die übliche Angabe lautet rund 455,5 Meter, andere Werke nennen 456 bis 457 Meter. Die Grenzwerte der Regierung sind im Pazifik-Höhensystem angegeben, das am Baikal rund einen halben Meter über dem Ostsee-System liegt. Dazu kommt, dass der Spiegel selbst Jahr für Jahr um rund einen Meter schwankt.
Wer entscheidet, wie viel Wasser aus dem Baikal abfließt?
Die Regierung setzt die Grenzwerte, innerhalb dieser Grenzen legen die staatlichen Wasserbehörden die Abflussmengen am Damm fest. Dabei müssen sie die Mindestmengen für die Städte an der Angara und für die Schifffahrt berücksichtigen.
Kann man den Pegel des Baikals am Ufer sehen?
In flachen Buchten ja, dort verschiebt schon ein halber Meter die Uferlinie um viele Meter. An den steilen Felsufern des Westufers fällt dieselbe Änderung kaum auf. Deutlich zeigt sie sich am Schamanenstein im Ausfluss der Angara, von dem seit dem Aufstau nur noch die Spitze aus dem Wasser ragt.
Warum steigt der See im Herbst noch, obwohl es kaum noch regnet?
Die Flüsse bringen das Regenwasser des Sommers mit Verzögerung, und das Kraftwerk füllt den See im Herbst gezielt auf, um im Winter Reserve zu haben. Deshalb liegt der Höchststand heute meist im Oktober.
Quellen: Amtliches Rechtsportal Russlands: Regierungsverordnung Nr. 481 vom 11. April 2025; UNDP-GEF-Baikalprojekt: Umweltbericht, Kap. 1.5 Wasserstand; Sinjukowitsch und Tschernyschow (2018), Iswestija IGU, Nauki o Semle 24; Garmajew u. a. (2017), Wodnoje chosjaistwo Rossii 2; Sorkalzew u. a. (2022), EKO 8; Garmajew und Zydypow (2019), Westnik BGU; Sanschejew (2023), Geografitscheskaja sreda i schiwyje sistemy; Regierungsverordnungen Nr. 234 (2001), 97 (2015), 626 (2016), 1667 (2017), 654 (2021), 379 (2022). Stand: Oktober 2026.
