Der Baikalsee ist so klar, weil sein Wasser sehr arm an Nährstoffen, Schwebstoffen und gelösten Salzen ist und winzige Ruderfußkrebse ständig Algen herausfiltern. Im Frühjahr reicht die Sicht im offenen See bis 30 oder 40 Meter, im Sommer oft nur 5 bis 8, teils bis 10 Meter. Trinken sollte man Seewasser nur abgekocht oder gefiltert.
Wie weit kann man im Baikalsee in die Tiefe sehen?
Im offenen See bleibt eine weiße Messscheibe im Frühjahr oft bis in 30 oder 40 Meter Tiefe sichtbar; das gehört zu den höchsten Werten großer Seen weltweit. Im Sommer und Herbst sinkt die Sichttiefe dagegen auf meist 5 bis 8, teils bis 10 Meter, weil sich im erwärmten Oberflächenwasser viel Plankton entwickelt.
Die oft zitierte Obergrenze von rund 40 Metern stammt aus älteren Beobachtungen und gilt für besonders günstige Tage im Frühjahr, wenn das Wasser tiefblau erscheint. Aktuelle Messfahrten des Limnologischen Instituts in Irkutsk zeigen, wie stark die Werte je nach Jahreszeit und Ort schwanken. Ende Mai und Anfang Juni 2024 lag die Sichttiefe an 63 Stationen im Mittel bei 13,5 Metern. Am klarsten war das Wasser an der zentralen Station zwischen Kap Elochin und Dawscha im mittleren See mit 24 Metern, am trübsten vor Kap Tonki und Marituj im Süden mit 9 bis 9,5 Metern. Auf einer Rundfahrt im September 2025 maßen die Forscher im Mittel nur 8,5 Meter, mit Werten zwischen 7 und 10 Metern.
| Zeitraum | Ort | Sichttiefe | Herkunft |
|---|---|---|---|
| Frühjahr, günstige Tage | offener See | bis rund 40 m | Lehrbuchwert, ältere Messungen |
| 29. Mai bis 12. Juni 2024 | 63 Stationen im ganzen See | Mittel 13,5 m, 9–24 m | Limnologisches Institut |
| Hochsommer, Planktonblüte | offener See | meist 5–8 m, teils bis 10 m | Übersichtswerke |
| 16. September bis 1. Oktober 2025 | Rundfahrt | Mittel 8,5 m, 7–10 m | Limnologisches Institut |
Für Taucher bedeutet das: Die besten Sichtweiten unter Wasser gibt es im Spätwinter unter dem Eis und im Frühjahr, im Sommer ist das Wasser grünlicher. Was Tauchgänge im kalten Wasser ausmacht, beschreibt die Seite zum Tauchen im Baikalsee.
Warum ist das Wasser des Baikalsees so klar?
Klar ist ein See, wenn wenig im Wasser schwebt, das Licht streut oder schluckt. Am Baikal kommen dafür mehrere Gründe zusammen: Das Wasser ist sehr nährstoffarm, sodass Algen nur begrenzt wachsen können, es enthält wenig gelöste Salze und kaum Schwebstoffe, und eine Kleinkrebsart frisst einen großen Teil der Algen weg.
Nährstoffarmut ist die Grundvoraussetzung. Phosphor und Stickstoff, die Algen zum Wachsen brauchen, sind im offenen See knapp. Die Zuflüsse bringen zwar Schwebstoffe mit, doch diese sinken im tiefen Becken rasch ab und lagern sich am Grund ab, statt im Oberflächenwasser zu bleiben. Auch die Chemie trägt bei: Mit rund 96 Milligramm gelöster Salze pro Liter ist das Baikalwasser ausgesprochen weich. Details zu Inhaltsstoffen, Sauerstoff und Wasserbilanz stehen auf der Seite über das Wasser des Baikalsees.
Der zweite Grund ist biologisch. Der endemische Ruderfußkrebs Epischura baicalensis, heute teils als Epischurella baicalensis geführt, wird nur rund 1,5 Millimeter groß, ist aber das dominierende Tier im freien Wasser. Je nach Quelle und Jahreszeit stellt er 80 bis 90 Prozent der Biomasse des tierischen Planktons. Die Krebschen filtern Algen und Bakterien aus dem Wasser, bilden zwei Generationen im Jahr und wandern täglich auf und ab: tagsüber halten sie sich im Sommer je nach Erwärmung in 5 bis 50 Metern Tiefe auf, nachts steigen sie dicht unter die Oberfläche. Sie sind ihrerseits eine wichtige Nahrung von Omul und Golomjanka. Weitere Tiere des Sees stellt die Station Natur und Tiere vor.
Auch die Kälte hilft. Weil das Oberflächenwasser selbst im Sommer im offenen See selten über 16 Grad warm wird und tiefere Schichten das ganze Jahr bei 3 bis 4 Grad liegen, verlaufen Wachstum und Abbau langsam. Ein dichter Algenteppich wie in warmen, nährstoffreichen Seen kann sich im offenen Baikal deshalb kaum bilden.
Wie misst man, wie klar ein See ist?
Das Standardverfahren ist die Secchi-Scheibe: eine weiße oder schwarz-weiße Scheibe von etwa 20 bis 30 Zentimetern Durchmesser, die an einer markierten Leine ins Wasser gelassen wird. Die Tiefe, in der sie gerade nicht mehr zu erkennen ist, gilt als Sichttiefe. Das Verfahren geht auf den italienischen Astronomen Angelo Secchi zurück, der es 1865 auf dem Mittelmeer erprobte.
Die Methode ist einfach und über Jahrzehnte vergleichbar, aber nicht exakt. Sonnenstand, Wellen, Bewölkung und das Auge des Beobachters beeinflussen das Ergebnis um einige Meter. Moderne Forschungsschiffe messen deshalb zusätzlich mit optischen Sensoren an Sonden, die beim Herablassen Trübung, Temperatur und Sauerstoff aufzeichnen. Seit einigen Jahren lässt sich die Klarheit der Oberfläche auch aus Satellitendaten abschätzen. Forscher aus Irkutsk haben 2021 dafür ein Modell auf Basis des europäischen Satelliten Sentinel-2 vorgestellt; für die Uferzone ist es nach ihren eigenen Angaben noch ungenau, für den offenen See aber brauchbar.
Lange Messreihen zeigen, dass sich der See verändert. Wissenschaftler der Universität Irkutsk haben an einer Messstelle vor dem Südwestufer seit den 1940er-Jahren regelmäßig Proben genommen. Stephanie Hampton und Kollegen werteten diese Reihe 2008 aus: Seit 1979 ist der Gehalt an Chlorophyll a, ein Maß für die Algenmenge, dort um rund 300 Prozent gestiegen. Das ist ein Hinweis auf mehr Algenwachstum, nicht auf einen trüben See, verdient aber Beachtung.
Kann man das Wasser des Baikalsees trinken?
Im offenen See, weit weg von Siedlungen, ist das Wasser chemisch sehr rein und wird von vielen Besuchern direkt getrunken. Eine Garantie gibt es dafür aber nicht, und an Ufern mit Häusern, Hotels oder Anlegestellen kann es mit Keimen aus Abwasser belastet sein. Wer sichergehen will, kocht es ab oder filtert es.

Die Unterscheidung ist wichtig. Was den Ruf des Baikalwassers begründet, sind seine chemischen Eigenschaften: wenig gelöste Salze, kaum Nährstoffe, viel Sauerstoff. Über Bakterien, Viren oder Parasiten sagen diese Werte nichts. Gerade in flachen Buchten neben Ortschaften, in denen Abwässer oft nur unzureichend gereinigt werden, können Krankheitserreger auftreten. Das betrifft vor allem die Sommermonate, wenn viele Menschen am Ufer zelten und das Wasser wärmer ist.
Praktisch heißt das: Wasser aus dem offenen See oder aus größerer Tiefe ist weniger riskant als Uferwasser am Ortsrand, aber nicht automatisch keimfrei. Abkochen, ein geeigneter Wasserfilter oder Tabletten zur Desinfektion sind die übliche Vorsicht, wie bei jedem Oberflächengewässer. Der geringe Mineralgehalt ist für gelegentliches Trinken unbedenklich. In Russland wird Baikalwasser auch in Flaschen verkauft.
Welche Belastungen gibt es an den Ufern?
Das größte sichtbare Problem sind seit etwa 2010 Fadenalgen der Gattungen Spirogyra und Stigeoclonium, die an Uferabschnitten nahe Ortschaften und Ferienanlagen in großen Mengen wachsen. Sie überwuchern den steinigen Grund und die endemischen Schwämme und verschlechtern dort Klarheit und Wasserqualität.
Als Hauptursache gelten Stickstoff und Phosphor aus Abwässern, die in vielen Uferorten und Touristenbasen nicht oder nur unzureichend geklärt werden. Diese Stoffe sammeln sich in Ufernähe an, ohne dass sich die chemischen Werte des offenen Sees messbar ändern. Forscher um Oleg Timoschkin vom Limnologischen Institut in Irkutsk beschrieben diese rasche Veränderung der Uferzone 2016 als Warnsignal; als möglicher zusätzlicher Faktor gilt die Erwärmung.
Weitere Belastungen kommen über die Flüsse. Die Selenga bringt Abwässer aus Ulan-Ude sowie Rückstände aus Städten, Bergbau und Industrie in der Mongolei mit. Hinzu kommen Abfälle an viel besuchten Stränden und Abwasser von Schiffen; auch Mikroplastik wurde in Proben aus dem See nachgewiesen. Alle diese Einträge betreffen vor allem das Flachwasser und die Mündungsgebiete, nicht die riesige Wassermasse im Inneren.
Warum unterscheiden sich Uferzone und offener See so stark?
Weil fast der ganze See tief ist: Flächen mit weniger als 50 Metern Wassertiefe machen nach Angaben der Großen Sowjetischen Enzyklopädie nur rund acht Prozent des Seebodens aus. Was am Ufer eingetragen wird, wirkt dort konzentriert, während es im offenen See in einer gewaltigen Wassermasse verdünnt wird.
In den flachen Buchten erwärmt sich das Wasser im Sommer stärker, Wellen wirbeln Sand und Schlamm auf, und Nährstoffe aus Bächen und Siedlungen bleiben länger an einem Ort. Dort wachsen Algen schneller, die Sicht ist geringer, und Keime finden bessere Bedingungen. Im offenen See verteilt der Wind das Oberflächenwasser dagegen rasch, und Schwebstoffe sinken in große Tiefen ab. Die Messfahrten des Limnologischen Instituts zeigen dieses Muster: Die trübsten Stationen lagen im Frühsommer 2024 in Ufernähe im Süden, die klarste in der Mitte des Sees. Wer das Bild vom kristallklaren Baikal überprüfen möchte, findet es am ehesten an steilen Felsufern abseits der Orte.
Häufige Fragen zur Klarheit des Baikalsees
Ist der Baikalsee der klarste See der Welt?
Er gehört zu den klarsten großen Seen, ein offizielles Ranking gibt es aber nicht. Der Crater Lake in den USA erreichte in Einzelmessungen ähnliche oder höhere Secchi-Tiefen um 40 Meter. Am Baikal sind solche Werte auf das Frühjahr beschränkt.
Warum wirkt das Wasser mal blau und mal grün?
Reines, tiefes Wasser schluckt rotes Licht und erscheint deshalb blau. Wenn sich im Sommer viel Plankton entwickelt, mischt sich das Grün der Algen hinein, und das Wasser wirkt grünlich und trüber. Im Frühjahr ist das Blau am kräftigsten.
Wie erkennt man sauberes Wasser am Ufer?
Sicher erkennen lässt es sich mit bloßem Auge nicht. Warnzeichen sind grüne, fädige Algenmatten auf den Steinen, Schaum, Geruch und die Nähe zu Häusern, Anlegern oder Bachmündungen. Klarheit allein beweist nicht, dass das Wasser keimfrei ist.
Wird der Baikalsee schmutziger?
Im offenen See haben sich die chemischen Grundwerte bisher wenig verändert, an vielen Ufern dagegen deutlich. Seit etwa 2010 breiten sich dort Fadenalgen aus, und die Schwämme leiden. Langzeitdaten zeigen zudem eine Erwärmung des Oberflächenwassers und mehr Algenwachstum seit den 1970er-Jahren.
Was ist Epischura?
Ein nur im Baikal lebender, rund 1,5 Millimeter großer Ruderfußkrebs. Er dominiert das tierische Plankton und filtert große Mengen Algen und Bakterien aus dem Wasser. Damit trägt er wesentlich zur Klarheit des offenen Sees bei.
Quellen: Limnologisches Institut SB RAS: Expedition mit FS „Wereschtschagin“, 29. Mai bis 12. Juni 2024; Limnologisches Institut SB RAS: Expedition 16. September bis 1. Oktober 2025; Moore et al. (2009), BioScience 59; Hampton et al. (2008), Global Change Biology 14; Timoshkin et al. (2016), Journal of Great Lakes Research 42; Große Sowjetische Enzyklopädie, 3. Auflage, Artikel „Baikal“. Stand: Oktober 2026.
