Blatt Baikal · 51°28′–55°47′ N · 103°43′–109°58′ OWissens- und Reiseportal · Stand Oktober 2026

Forschungsblatt · Der See

Die Angara: einziger Abfluss des Baikalsees

Der Fluss, der als einziger aus dem Baikal hinausführt

Bereich
Der See
Stand
· 9 Min. Lesezeit
Breiter, klarer Fluss zwischen bewaldeten Hügeln, in der Flussmitte ein einzelner Felsblock
Abb. 1Die Angara fließt breit und klar zwischen Taiga-Hügeln. Symbolbild
Kurz gesagt

Die Angara ist der einzige Abfluss des Baikalsees. Sie verlässt ihn am Südwestende zwischen Listwjanka und Port Baikal als gut einen Kilometer breiter Strom und fließt rund 1.780 Kilometer weit bis zum Jenissei. Am Ausfluss führt sie im Mittel rund 60 Kubikkilometer Wasser im Jahr ab, knapp 2.000 Kubikmeter pro Sekunde.

Wo verlässt die Angara den Baikalsee?

Die Angara verlässt den Baikal an seinem Südwestende, zwischen dem Dorf Listwjanka am rechten und der Siedlung Port Baikal am linken Ufer. Der Strom beginnt dort mit einer Breite von rund 1,1 Kilometern und wendet sich nach Norden. Eine Bucht oder ein Delta gibt es an der Quelle nicht; der See geht unmittelbar in einen schnell fließenden Fluss über.

Mitten in der Quelle ragt der Schamanenstein aus dem Wasser, ein Felsblock etwa 500 Meter von beiden Ufern entfernt und rund 800 Meter unterhalb der Fährlinie zwischen Port Baikal und Listwjanka. Seit dem Aufstau der Angara in den 1950er-Jahren schaut nur noch seine Spitze heraus, bei ruhigem Wetter 1 bis 1,5 Meter hoch. Er markiert nach alter Vorstellung die Grenze zwischen See und Fluss und steht seit 1981 als Naturdenkmal unter Schutz; heute gehört er zum Pribaikalski-Nationalpark.

Für die Burjaten war der Stein ein heiliger Ort, der Sitz des Herrn der Angara, Ama Sagaan Noyon. Dort wurden schamanische Rituale abgehalten. Überliefert ist auch, dass man Beschuldigte über Nacht auf dem Felsen aussetzte: Spülte das Wasser sie nicht fort, galten sie als unschuldig.

Wie lang ist die Angara und wohin fließt sie?

Die Angara ist nach den meisten Nachschlagewerken 1.779 Kilometer lang, einige Quellen nennen bis zu 1.849 Kilometer. Sie fließt zunächst nach Norden durch die Oblast Irkutsk, vorbei an Irkutsk, Angarsk, Bratsk und Ust-Ilimsk, durchbricht dann den Angara-Rücken, wendet sich nach Westen in die Region Krasnojarsk und mündet bei Strelka, rund 40 Kilometer südöstlich von Lessosibirsk, von rechts in den Jenissei.

Auf dieser Strecke fällt sie von rund 456 auf rund 76 Meter, also um etwa 380 Meter. Ihr Einzugsgebiet umfasst einschließlich des Baikalbeckens rund 1,04 Millionen Quadratkilometer. An der Mündung führt sie im Mittel rund 4.500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde und damit an dieser Stelle mehr als der Jenissei selbst, in den sie fließt. Zählt man die Selenga und deren mongolische Quellflüsse als Oberlauf hinzu, ergibt sich ein Flusssystem von rund 3.500 Kilometern Länge.

Breiter Fluss mit Kiesbänken zwischen Taiga im Sommer
Abb. 2Kiesbänke und Taiga am Ufer eines großen sibirischen Flusses. Symbolbild

Den Unterlauf ab der Mündung des Ilim nannten russische Pioniere des 17. Jahrhunderts Obere Tunguska. Eine Zeit lang hielten die Kosaken am Jenissei die Obere Tunguska und die Angara für zwei verschiedene Flüsse, bis der Kundschafter Pantelei Pjanda 1623 von einer mehrjährigen Fahrt zurückkehrte und feststellte, dass es derselbe Strom ist. Um 1630 wurden Angara und Ilim mit ihren Tragestellen zu einem wichtigen Wasserweg vom Jenissei zum Baikal und zur Lena. Ihre Bedeutung als Verkehrsweg verlor die Angara erst mit dem Landweg von Krasnojarsk nach Irkutsk und später der Transsibirischen Eisenbahn. Wie der Baikal in den sibirischen Großraum eingebettet ist, beschreibt die Seite über den Baikalsee in Sibirien.

Wie viel Wasser fließt durch die Angara aus dem Baikal ab?

Durch die Angara verlassen den Baikal im langjährigen Mittel rund 60 Kubikkilometer Wasser im Jahr. Der Lagebericht des UNDP-GEF-Baikalprojekts nennt 60,89 Kubikkilometer, die Große Sowjetische Enzyklopädie 60,07 Kubikkilometer. Umgerechnet sind das gut 1.900 Kubikmeter pro Sekunde. Andere Werke geben für die Quelle 1.855 oder 2.071 Kubikmeter pro Sekunde an, je nach Messzeitraum und danach, ob die Jahre vor oder nach dem Aufstau einbezogen sind.

Angabekm³ pro Jahrm³ pro SekundeQuelle
Abfluss aus dem See60,89rund 1.930UNDP-GEF-Lagebericht
Abfluss aus dem See60,07rund 1.900Große Sowjetische Enzyklopädie
Abfluss an der Quellerund 58,51.855russische Wikipedia
Abfluss an der Quelle65,32.071deutsche Wikipedia
Abfluss an der Mündungrund 143rund 4.500Pegel Tatarka

Gut 87 Prozent dessen, was den See verlässt, fließt durch die Angara ab, der Rest verdunstet. Rechnerisch dauert es rund 330 bis 400 Jahre, bis das gesamte Seevolumen einmal ausgetauscht ist. Die vollständige Wasserbilanz mit Zuflüssen, Niederschlag und Grundwasser erklärt die Seite über das Wasser des Baikalsees.

Warum hat der Baikalsee nur einen Abfluss?

Der Baikal hat nur einen Abfluss, weil er in einem tiefen Grabenbruch liegt, der fast überall von Gebirgen umrahmt ist. Die Randgebirge überragen den Seespiegel um 2.000 Meter und mehr. Nur am Südwestende gibt es eine tief genug eingeschnittene Lücke im Rahmen, durch die das Wasser nach Norden zum Jenissei abfließen kann.

Auf die Form der Quelle spielt nach einer verbreiteten Deutung auch der Name an: Das Tal gleicht dort einer Spalte oder Schlucht, durch die der Fluss aus dem See hervorbricht. Der Name wird auf eine burjatische und ewenkische Wurzel zurückgeführt, die Maul oder Mund bedeutet; davon abgeleitet heißt Angara so viel wie geöffnet, aufgesperrt, Spalt oder Schlucht. In schriftlichen Quellen erscheint der Fluss um 1300 beim persischen Geschichtsschreiber Raschid ad-Din als Ankara-Muren.

Warum friert die Angara am Ausfluss nicht zu?

Der Ausfluss friert nicht zu, weil das Wasser dort schnell strömt und ständig Seewasser nachfließt, das noch nicht bis zum Gefrierpunkt ausgekühlt ist. Auch wenn der Baikal im Januar zufriert, bleibt die Quelle der Angara auf einer Strecke von 15 bis 20 Kilometern offen. Bei strengem Frost steigt über dem dunklen Wasser dichter Frostrauch auf, und Ufer und Bäume überziehen sich mit Raureif.

Offenes Flusswasser im Winter mit dichtem Frostrauch zwischen Eisrändern und bereiften Bäumen
Abb. 3Offenes Wasser im Januar: Über dem warmen Abfluss steigt Frostrauch auf. Symbolbild

Vor dem Bau des Kraftwerks Irkutsk führte das zu einem ungewöhnlichen Winterregime. Das vergleichsweise warme Seewasser hielt den Fluss bis weit hinab offen, bei Irkutsk fror er meist erst im Januar zu. Bei großer Kälte bildete sich im schnell strömenden Wasser massenhaft Grundeis und Eisbrei, der das Flussbett verstopfte und das Wasser aufstaute. In den Wintern 1870, 1900, 1939 und 1952 führte das bei Frost um minus 40 Grad zu schweren Überschwemmungen in Irkutsk.

Heute bleibt die Angara unterhalb des Staudamms auch in Irkutsk den ganzen Winter offen. Über der eisfreien Wasserfläche bilden sich im Herbst und Winter regelmäßig Nebel, die Luftfeuchte in Ufernähe steigt, und an den Bäumen der Stadt wächst Raureif. Wann und wie der See selbst zufriert und wieder aufbricht, beschreibt die Seite zur Eissaison am Baikalsee.

Welche Kraftwerke stauen die Angara?

An der Angara stehen vier große Wasserkraftwerke, die zusammen die Angara-Kaskade bilden. Das erste und kleinste ist das Kraftwerk Irkutsk rund 65 bis 70 Kilometer unterhalb der Quelle. Gebaut wurde es ab 1950, der Damm ist 44 Meter hoch und rund 2,5 Kilometer lang. Ab 1956 wurde der Stausee gefüllt, im Dezember 1956 lieferte der erste Generator Strom. Rund 17.000 Menschen mussten aus dem überfluteten Tal umgesiedelt werden.

Der Rückstau erreichte den Baikal 1958 und hob seinen Spiegel in den 1960er-Jahren zeitweise um 1,2 bis 1,3 Meter; im langjährigen Mittel liegt der See rund 0,7 bis 1 Meter höher als ohne Damm (Wasserstand und Staudamm). Seither ist der See hydrologisch Teil des Irkutsker Stausees, und sein Abfluss wird über das Kraftwerk geregelt. Flussabwärts folgen die Kraftwerke Bratsk, Ust-Ilimsk und Bogutschany, das als letztes Ende 2012 in den Regelbetrieb ging. Die Werte zu Seespiegel und Pegelschwankungen stehen unter Zahlen und Fakten zum Baikalsee.

Ein Plan aus den 1950er-Jahren hätte den Baikal tiefgreifend verändert. Ingenieure schlugen vor, den Schamanenstein zu sprengen und die Quelle der Angara rund 25 Meter tiefer auszuheben, um mehr Wasser aus dem See für die Kraftwerke abzulassen. Der Seespiegel wäre dadurch über Jahre gesunken. Dagegen sprachen wirtschaftliche und ökologische Bedenken, und es regte sich öffentlicher Protest: Im Oktober 1958 veröffentlichten sibirische Wissenschaftler und Schriftsteller in der Literaturnaja Gaseta den offenen Brief „Zum Schutz des Baikals“. Das Vorhaben wurde nicht verwirklicht. Auch die Überflutung der Dörfer an der Angara blieb umstritten; der Irkutsker Schriftsteller Walentin Rasputin setzte ihnen 1976 mit dem Roman „Abschied von Matjora“ ein Denkmal.

Was erzählt die Legende von Angara, der Tochter des Baikal?

Die bekannteste Sage des Baikals handelt von der Angara. Der alte, mächtige Baikal hatte viele Söhne, die Flüsse, die ihm Wasser brachten, aber nur eine Tochter, die schöne Angara. Er hütete sie streng und wollte sie mit dem jungen Irkut vermählen. Angara aber hatte von dem stolzen Recken Jenissei gehört und floh in einer Nacht zu ihm. Als der Baikal erwachte, riss er im Zorn einen Felsen aus dem Ufer und schleuderte ihn der Fliehenden nach. Er verfehlte sie, und der Stein blieb in der Quelle liegen. Das ist der Schamanenstein.

Die Erzählung ist in vielen Fassungen überliefert, darunter burjatischen und russischen; in manchen wirft der Vater den Stein, um die Flucht zu versperren, in anderen schickt er Irkut hinterher, der die Angara nicht mehr einholt. Sie spiegelt die Geografie genau: Der Irkut mündet bei Irkutsk tatsächlich in die Angara, und die Angara erreicht den Jenissei. Dass der Baikal über 300 Zuflüsse, aber nur einen Abfluss hat, ist in der Sage zum Bild des Vaters mit vielen Söhnen und einer einzigen Tochter geworden.

Häufige Fragen zur Angara

Ist die Angara ein Nebenfluss des Jenissei?

Ja, sie ist sein größter Nebenfluss und mündet von rechts bei Strelka in den Jenissei. An der Mündung führt sie mehr Wasser als der Jenissei oberhalb davon. Über den Jenissei gelangt das Wasser des Baikals in die Karasee und damit ins Nordpolarmeer.

Was ist der Unterschied zwischen Angara und Oberer Angara?

Die Obere Angara ist ein Zufluss im Norden, der bei Nischneangarsk in den See mündet und nach der Selenga zu den größten Zuflüssen zählt. Die Angara ist der Abfluss am Südwestende. Früher wurde sie zur Unterscheidung auch Untere Angara genannt.

Kann man auf der Angara vom Baikal bis zum Jenissei fahren?

Nein. Schiffbar sind nur einzelne, voneinander getrennte Abschnitte, etwa vom Baikal bis Irkutsk und von Irkutsk bis Bratsk. Keiner der Staudämme hat eine Schleuse oder ein Schiffshebewerk, deshalb gibt es keinen durchgehenden Wasserweg.

Kann das Kraftwerk den Baikal leerlaufen lassen?

Nein. Der Wasserstand darf nur innerhalb eines gesetzlich festgelegten Bandes von rund einem Meter schwanken, und das Kraftwerk regelt nur, wie viel Wasser innerhalb dieses Bandes abfließt. Ein Meter Seespiegel entspricht rund 32 Kubikkilometern, gemessen an über 23.000 Kubikkilometern Seevolumen ein sehr kleiner Teil.

Welche Fische leben im Oberlauf der Angara?

Im Irkutsker Stausee und im Fluss leben kälteliebende Arten wie Äsche, Taimen und Lenok. Der gewerbliche Fang dieser wertvollen Fische ist im Stausee verboten.

Quellen: UNDP-GEF Baikal Project: State of the Environment Report, 1.5 Water Level of Lake Baikal; Große Sowjetische Enzyklopädie, 3. Aufl.: Baikal (Wasserbilanz). Weitere: Wikipedia (russisch): Angara, Schaman-kamen, Irkutskoje wodochranilischtsche, Irkutsk (Klima), Legenda o dotscheri Baikala; Wikipedia (deutsch): Angara; Wikipedia (englisch): Angara, Irkutsk Hydroelectric Power Station. Stand: Oktober 2026.

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